Janice Kaplan – The Gratitude Diaries

Eines schönen Januarmorgens, mit einem typischen Neujahrsvorsatz, beschließt Janice Kaplan, in ihrem Leben mehr die Details wertzuschätzen, die sie hat, und ein “Gratitude Journal” zu führen, also ein Tagebuch der Dinge, für die sie “dankbar” ist. Befragt nach ihren “Fehlern”, merkt (wie überraschend) auch ihr Ehemann an, dass sie nicht wirklich zu schätzen wisse, was sie hat, und so macht sie sich auf den Weg, ein Jahr aufmerksamer und dankbarer zu sein.

So weit, so belanglos.

The Gratitude Diaries: How A Year Of Living Gratefully Changed My Life

reiht sich in einen Trend ein, bei dem US-Autoren für ein Jahr irgendeinen Lifestyle erproben und darüber Bücher schreiben.

Bekannt ist etwa The Year of living biblically von A. J. Jacobs – Deutsch: Die Bibel & ich: Von einem, der auszog, das Buch der Bücher wörtlich zu nehmen. Sein Werk The Know-It-All fand ich furchtbar. Dennoch sind solche Unternehmungen anscheinend sehr angesagt. (Empfehlenswert fand ich, trotz anfänglichen Skeptizismus, The 100-Mile Diet: A Year of Local Eating von Alisa Smith.)

Janice Kaplan allerdings hat sich ein in den Selbsthilfeforen und insbesondere Frauenmagazinen häufig beackertes Thema vorgenommen: Gratitude. Dankbarkeit. Wertschätzung. Im Jahrzehnt der Beschäftigung mit Mindfulness kein kleines Thema, sollte man meinen. Und doch ist ihr Buch (auf Deutsch “Das große Glück der kleinen Dinge: Wie Dankbarkeit mein Leben veränderte”) so belanglos, dass man fast allergische Pickel davon bekommen könnte.

Das Eingangskapitel, in welchem Kaplan ihre Idee umreisst, ist noch ganz nett, aber schon da wird offensichtlich, dass die Autorin vor allem über sich selbst zu schreiben gedenkt. Und ihre Lebensprobleme rangieren in der Größenordnung “Mein Buch war nicht lange genug auf der NY Times Bestsellerliste anzutreffen und jetzt bin ich frustriert”. Tatsächlich kann ich aus Kaplans Ansatz, die kleinen und eventuell übersehenen Dinge wertzuschätzen, durchaus etwas mitnehmen. Dafür hätte aber ein Text der Länge eines Magazinartikels gereicht, und viel mehr liefert Janice Kaplan hier auch nicht ab.

Das Buch liest sich wie ein “Frauenmagazin”-Artikel der schlechteren Sorte – ein Ratgeber, basierend auf ein paar pseudoemotionalen, recht hohlen und nicht sonderlich haltbaren Prämissen, der dann episch ausgewälzt wird. Oh The Horror, ein Leben der Reichen und Berühmten in NYC, und DANN noch am Wochenende ins Ferienhaus fahren müssen? Der SCHRÖCKLICHE Verkehr? Eine reiche Housewife der 2000er jammert darüber, wie hart sie es doch hat, und wie supertoll sie doch ihr Leben im Griff hat, weil sie in Manhattan nicht (mehr) neidisch ist, wenn sie modeldürre Tussen vor sich stehen hat, gegenüber denen sie Minderwertigkeitskomplexe verspürt? Irgendwie bin ich im falschen Film.

So liest sich dann das Buch auch eher wie eine Aneinanderreihung von zum Thema gesammelten Zitaten, flankiert von Szenen, in denen Kaplan mit irgendwelchen superwichtigen Freundinnen in Luxusrestaurants speisen geht, frei jeglichen Erkenntnisgewinns. Was die Autorin als “Recherche” verkauft, ist eine unverhohlene Namedropping-Bomb, bei der ich mich frage, warum ein Verlag so einen sinnentleerten Schund überhaupt angenommen hat. Kurzum:

Lebenszeitvergeudung.

Bewertung: ½☆☆☆☆ 

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