William Gibson – Spook Country

Der 2. Band der Blue-Ant-Trilogie

William Gibson - Spook Country

William Gibson – Spook Country

Nach dem eher mäßig gelungenen Pattern Recognition legte William Gibson 2007 den zweiten Band einer dreiteiligen Romanserie vor, die sich durch den in allen drei Romanen auftauchenden mysteriösen belgischen Magnaten Hubertus Bigend mit seiner eigenartigen Agentur Blue Ant den Namen Blue-Ant-Trilogie erworben hat.

Doch Spook Country kann mich noch weniger fesseln als Pattern Recognition, und das liegt nicht nur an den zunehmend gewundeneren und schwerer zu lesenden Satzkonstrukten des Autors.

Die Handlung wird in drei miteinander verflochtenen Strängen erzählt – der „Haupt“-Handlungsfaden macht uns mit Hollis Henry bekannt, Ex-Sängerin einer Indie-Band namens The Curfew, und ihrem Ringen um eine Identität als freie Autorin, die außerdem ihren Lebensunterhalt sichern soll. Für ein im Entstehen begriffenes Magazin namens Node, das witzigerweise für diesen Gig bezahlt (das ist wohl der phantastische Teil dieses Romans), soll sie einen Artikel über GPS-basierte „locative art“, eine Art GPS-Koordinaten-verankerte Virtual-Reality-Installationen schreiben, und trifft sich zu diesem Zweck in mondänen Designer-Hotels mit einer französischen Vermittlerin und einem der Künstler. Unnötig zu erwähnen, dass fast alle, auf die sie trifft, selbstredend von der Band gehört haben und Fans sind…

Strang zwei führt uns in die eigenartige Welt einer kubanisch-chinesischen Familie von Profikriminellen, die russisch sprechen und in Volapuk Textnachrichten tauschen, und die nach etablierten Protokollen ihren im Dunkel bleibenden Tätigkeiten nachgehen, stellvertretend durch den jungen Tito und seinen Fälscher-Spezialisten-Cousin Alejandro dargestellt. Sie sind mit die interessantesten Figuren dieser Geschichte, leider erfährt der Leser aber nicht viel über sie.

Im dritten Strang lernen wir Milgrim kennen, der von Tranquilizern abhängig ist, und sich von einem Typen, der ein Agent einer US-Bundesbehörde sein könnte oder auch nicht, erpressen und wie ein Gefangener behandeln lässt, zu Zwecken, die irgendwie mit dem zu tun haben, was sowohl Hollis als auch die „familia“ beschäftigt. Besagter „Entführer“, Brown, betrachtet die Kubaner – von denen er nicht weiß wer sie sind – als Feinde.

Im Zentrum, so man das bei diesem Roman so nennen kann, steht ein mysteriöser alter Mann, den Brown jagt, und den die Kubaner-Chinesen schützen, sowie der Hacker Bobby Chombo, ein paranoider GPS-Irgendwas-Spezialist, der für locative art Koordinaten ermittelt und gleichzeitig einen ultrageheimen und verloren gegangenen Behälter mit unbekannt wichtigem Inhalt über den Planeten trackt, und von allen Fraktionen gebraucht wird.

Das könnte alles irrsinnig spannend sein – ist es aber nicht. Die Charaktere sind blaß und nicht stark ausgeführt – Charaktere waren noch nie wirklich Gibsons Stärke. Hollis ist ein Gibson-Klischee, wenn es denn eines gibt – eine irgendwie Popkultur-gebundene, interessante Single-Frau als Protagonistin und gleichzeitig Stand-In für den Leser, dem man die Ideen und Konzepte erklären will; zu echtem Leben erwacht sie ebensowenig wie alle anderen Figuren des Romans.

Auch der Plot, der sich viel zu langsam und gewunden hinzieht, kann nicht überzeugen – das groß aufgebaute Mysterium ist (ein weiteres Mal) banal, und verpufft bei seiner Enthüllung; die Haupthandlung ist ein klassischer Kalter-Krieg-Gegenspionage-Plot, den man schon spannender und besser gelesen hat, und die eher beiläufig eingestreute Kritik an den Entwicklungen im Post-9/11-Amerika, plus die bei Gibson anscheinend unvermeidliche Referenz zu Voodoo und Orishas, machen das Buch erst Recht zu einer Ansammlung von Versatzstücken ohne echten Kontext.

Hier und da blitzen ein paar brilliante Ideen und Konzepte auf, der SciFi-Faktor entsteht eher durch ein Maglev-Bett als durch den Plot; wie auch Pattern Recognition ist Spook Country ein Gegenwartsroman, dem die Überfütterung (erneut) mit Markennamen – wie Product Placement in einem Film – nicht gut tut. Ich hoffe, Gibson hat sich die penetrante Erwähnung von VW Phaeton, Passat und Maybach gut bezahlen lassen.

Eine Randnotiz: aus dem Blickwinkel von 2013 mutet es seltsam an, dass sich Hollis unterwegs Wifi suchen muss, um mit einem Powerbook ihre Mails zu lesen; im Zeitalter von UMTS, LTE und mobilen Devices ist das eigenartig anachronistisch.

Wenn dieser Roman nicht von Gibson wäre, hätte ich ihn nach 100 Seiten beiseite gelegt. Ich werde sicher auch den dritten Teil, Zero History, noch lesen, einfach weil ich das abschließen möchte, aber eine Empfehlung, mehr von Gibson zu lesen, ist diese Reihe bislang nicht – im Gegenteil. Im letzten Kapitel fragte ich mich nur entgeistert: „Wie, das war schon alles?“, und das fasst ganz gut zusammen, was ich bislang zur Blue-Ant-Trilogie zu sagen habe.

Bewertung: ★★½☆☆ 

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