Uwe Steinmüller, Jürgen Gulbins – Die Kunst der RAW-Konvertierung

Wer sich in der digitalen Fotografie mit mehr als nur ein paar Urlaubsfotos befassen möchte, kommt mittelfristig nicht am RAW-Format seiner Kamera vorbei. Doch wie geht man damit am besten um? Was gilt es zu beachten? Wie kann ich meine RAW-Bilder optimal konvertieren? Mit diesen Fragen befasst sich

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Die Kunst der RAW-Konvertierung
von Uwe Steinmüller und Jürgen Gulbins

Das ursprünglich zunächst in Englisch erschienene Werk des Profifotografen Steinmüller ist als hochwertiges Hardcover im DPunkt-Verlag erschienen, der sich im Markt für exzellente Fotobücher spätestens mit einem anderen Werk Steinmüllers (gemeinsam mit seiner Frau) gut positioniert hat: Die Digitale Dunkelkammer. Vom Kamera-File zum perfekten Print. Arbeitsschritte, Techniken, Werkzeuge.

Jürgen Gulbins ist Experte für Farbmanagement und gibt mit Steinmüller zusammen auch einen fotografischen Newsletter heraus; er hat das Buch übersetzt.

Der Untertitel lautet:
RAW-Files bearbeiten mit Adobe Photoshop CS2 und führenden RAW-Konvertern

Im einleitenden Kapitel wird kurz darauf eingegangen, was RAW eigentlich ist, mit einem erhellenden Exkurs in Farbinterpretationen von CMOS-Sensoren. Die Technikinformationen hier richten sich eindeutig an Profis, was die nachfolgenden Erklärungen zu JPEG und RAW ein wenig unter dem Niveau des Buches erscheinen lässt.

Das zweite Kapitel handelt von Grundlagen des Farbmanagements, und auch hier reicht die Bandbreite des vermittelten Wissens von Grundlagenkenntnissen über CMYK, RGB, Graustufen und CIE-Lab bis zu Farbmanagementsystemen und Farbräumen sowie deren 3-D-Darstellung. Drucker- und Monitorkalibrierung werden ebenfalls erläutert.

Im dritten Teil widmet sich Steinmüller dem „Basis-Workflow“ im Umgang mit RAW-Files. Grundeinstellungen der Kamera wie ISO und Belichtungswerte als Einsteigerinfos, die Verwendung von Histogrammen, Beschnitte in Farbkanälen sowie Weißabgleich, all das sind eher nicht-RAW-spezifische Dinge, die ein Fotograf wissen oder lernen sollte.

Der Autor geht auch ein auf Datenmanagement und sinnvolle Benamsung von Ordnern und Files anhand seiner eigenen Methodik. Ich sehe zwar den Zusammenhang zum Workflow – eine Datenergonomie ist für das Arbeiten mit großen Datenbeständen, zumal vielleicht noch bei einem RAW -File mit mehreren unterschiedlichen „Ausbelichtungen“ daraus, wichtig – aber dennoch empfinde ich als störend, dass Platz in einem RAW-Buch dafür verwendet wird, mich an die Wichtigkeit von regelmäßigen Backups zu erinnern und mir dafür Medien und Ablagesystematiken vorzuschlagen. Geschmackssache.

Es folgen kommentierte und bebilderte Beispiele zu Weißabgleich und Tonwertkorrekturen.

Teil 4 widmet sich Adobe CameraRaw, und nicht nur hier, sondern im ganzen Buch wird deutlich, dass Photoshop CS2 und CameraRaw – nicht überraschend – die primären Arbeitswerkzeuge des Autors sind. Steinmüller führt die Leser anhand verschiedener Beispiele durch die Standard-Bearbeitung in CameraRaw und erläutert Funktionen des Konverters im Detail. Vieles davon erinnert an ein Online-Handbuch und -Tutorial zur Software, aber auch alte Hasen können hier noch den einen oder anderen Tipp oder eine Funktion entdecken, die nützlich sein könnte, und sich in einem der vielen Menus verbirgt, wo man sie vielleicht nie vermutet hätte.

RawShooter, ein Konverter aus dem Hause Pixmatec, wird im 5. Kapitel vorgestellt. Im Prinzip geht der Autor die identischen Schritte durch wie im vorangegangenen Kapitel über CameraRaw, nur eben mit den Optionen, die RawShooter zur Verfügung stellt, und um entsprechende Screenshots ergänzt.

Teil 6 listet kurz weitere RAW-Konverter, darunter am ausführlichsten Capture One von Canon. Ausserdem u.a. Bibble, Nikon Capture, und eine Auflistung anderer Software. Dabei wird auch Wert darauf gelegt, anzuzeigen welche Programme für die Windows- oder Apple-Welt zu haben sind. Linux existiert in dieser Welt übrigens vollständig nicht, dabei beherrscht auch GIMP durchaus RAW.

Im 7. Kapitel geht es ans Feintuning – Bilder perfektionieren. Hier geht es vor allem darum, typische digitale Bildbearbeitungsschritte – Korrektur von Rauschen oder Linsenverzeichnungen, Ausgleichen chromatischer Aberrationen – zu absolvieren, und das möglichst mit den Tools, die der RAW-Konverter zur Verfügung stellt. Zahlreiche nützliche Tipps für den täglichen Einsatz machen das Kapitel zu einem mit hohem Gebrauchs- und Wiederaufschlagwert.

Ein Thema, das nicht fehlen darf, ist die Batchverarbeitung von Bildern. Wer viele Bilder einer Session mit ähnlichen Parametern schnell konvertieren möchte, wird bei den Anleitungen für verschiedene Konverter in Kapitel 8 fündig.

Kapitel 9 handelt von DNG, dem (freien) Digital Negative Format von Adobe, seinem Potenzial, seinen Vor- und Nachteilen, und seinem Wert als Archiv- und Austauschformat.

Metadaten wie IPTC und EXIF, aber auch weitere Infos wie zum Beispiel das Adobe-spezifische XMP werden im 10. Kapitel erklärt. Gerade Adobe Bridge liefert umfangeiche bequeme Tools zur Verwaltung solcher Daten.

Ins Detail des Farbmanagements zurück führt das 11. Kapitel mit Anleitungen zum Kalibrieren von RAW-Konvertern und zum Erstellen von Profilen. Wer nicht wenigstens eine GretagMacbeth-Farbkarte sein eigen nennt, darf weiter blättern.

Das letzte Kapitel schließlich hat sich das Thema RAW und Schwarzweiss-Fotos vorgenommen. Hier werden im Prinzip bekannte Techniken herausgeholt, es wirkt aber eher hintangeklebt und ein wenig lieblos.

In der Zusammenfassung: Die Kunst der RAW-Konvertierung versucht, das Thema RAW möglichst umfassend abzuhandeln, und fängt dabei bei Adam und Eva (CMYK und RGB) an, schwingt sich aber auch in professionelle Höhen auf. Mir persönlich gefällt dieser Ansatz einer All-in-One Lösung nicht so gut, da er weder dem Profi noch dem Anfänger gerecht wird, ich sehe aber durchaus den Grund dafür ein: ein Kompendium zum Thema zu erschaffen, in welchem sich alles nachschlagen lässt. Es liegt quasi in der Natur der Sache, dass das Buch sehr Adobe-lastig ist. Die einzelnen Schritte der Bearbreitung von RAW-Bildern sind gut erklärt und hilfreich, ein ernsthafter Vergleich der RAW-Konverter oder eine Hilfe bei der Auswahl des richtigen Tools dagegen fehlt. Es ist vermutlich auch offensichtlich – wer Photoshop CS bezahlen kann und will, wird wahrscheinlich CameraRaw benutzen, wer wenig Geld hat vielleicht eher RawShooter…

Das ist eins der Probleme, die ich mit dem Buch habe. Natürlich deckt es für eine Vielzahl von potenziellen Lesern unterschiedliche Möglichkeiten ab, aber für einen User, der zum Beispiel keine Haussoft von Nikon oder Canon benutzt, sind die Exkurse in diese Programme sinnlos. Die starke Fokussierung auf Adobe wiederum macht die anderen Konverter im Buch eigentlich nur zu einem netten schmückenden Beiwerk.

Ein solides, informatives Buch mit einer Menge Hintergrundwissen zu digitaler Fotografie
, das aber sehr trocken und ein wenig uninspiriert geschrieben ist. Um es komplett zu lesen und vor allem auch zu nutzen, muß man an der Materie schon sehr starkes Interesse haben. Dann macht die hochwertige Hardcoverbindung aber auch Sinn, weil man das Buch gern zur Hand nimmt und aufgeschlagen beim Arbeiten auf dem Schreibtisch liegen hat.

Bewertung: ★★★½☆ 

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