Udo Pollmer – Esst endlich normal!

Wer abnehmen will, braucht drei Dinge:

  • einen starken Willen
  • eine kalorienreduzierte Diät
  • reichlich Bewegung

Damit tut er oder sie etwas für die Gesundheit, minimiert das Risiko degenerativer Erkrankungen und verlängert das eigene Leben, entlastet dabei auch noch das Gesundheitssystem von Kosten. Richtig?

Nein. Grundfalsch. Und zwar in allen Punkten.

Diäten sind sinnlos und machen die meisten Menschen dicker, sagt der Ernährungsexperte Udo Pollmer. Warum dennoch immer wieder neue Wunderdiäten angeboten werden und Millionen Menschen – den seit langem bekannten Jo-Jo-Effekt ignorierend – jedes Mal von neuem darauf anspringen, erklärt er in seinem neuesten Buch. „Esst endlich normal! Wie die Schlankheitsdiktatur die Dünnen dick und die Dicken krank macht“, lautet der Titel, erschienen im Piper-Verlag.

schreibt etwa 3sat in der Wissenschaftssendung nano zu einem Interview mit Udo Pollmer zu seinem neuen Buch

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Udo Pollmer: Esst endlich normal!

oder, etwas knapper und prägnanter: „Wer Angst vorm Essen hat, wird fetter.

Udo Pollmer werfen seine Gegner gern vor, dass der Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften bisweilen polemisch sei. Das ist so weit richtig, und wenn man sich wie Pollmer en detail mit den Lügen und Halbwahrheiten der Ernährungs- und Diätindustrie und vieler seiner Kollegen aus Medizin und Nahrungsmittelchemie befasst, ist Zynismus und Polemik wohl eins der wenigen Mittel, sich den (gesunden) Verstand zu bewahren statt an der Misere zu verzweifeln – denn was Pollmer da vor den interessierten Lesern ausbreitet ist nicht mehr und nicht weniger als eine Abrechnung mit der Diätgesellschaft, die – entgegen der wissenschaftlichen Beweislage und besseren Wissens – Diäten um jeden Preis propagiert und den Mythos von „Fettleibigkeit als Killer Nummer Eins“ weiter verbreitet.

„Wer dieses Buch gelesen hat, wird nie wieder eine Diät machen.“ schreibt der Piper-Verlag etwas reißerisch auf den Rückeinband, und doch, hat man sich das Buch erst einmal einverleibt und in aller Konsequenz verdaut und verarbeitet, muss man ihnen zustimmen.

Denn Udo Pollmer rollt das Feld gleich von mehreren Fronten auf. Er zeigt, dass die amtlichen und massenmedialen Behauptungen über Zusammenhänge von BMI und (mäßigem) Übergewicht und Gesundheitsgefahren nicht bloß maßlos übertrieben, sondern mit statistischen Tricksereien erstunken und erlogen wurden, dass – und warum – Diäten biologischer Unsinn sind und auf die Dauer nicht nur nicht funktionieren, sondern am Ende sehr viel kranker machen.

Weiter stellt er die Frage nach den Vorteilen des Abspeckens (nämlich: keinen, wer abnimmt verbessert weder seine Gesundheit noch verlängert er dadurch sein Leben – ganz im Gegenteil! das ist eine Tatsache); nach den Motivationen und Folgen der von Renate Künast angestoßenen „Plattform für Ernährung und Bewegung„, die nach letztem Kenntnisstand genau das Gegentei von dem erreichen muß, was sie eigentlich anstrebt (und Millionen Euro Steuergelder verpulvert für Dinge, von denen a priori feststeht, dass sie nicht funktionieren werden). Und so stellt er auch die Gretchenfrage – cui bono – wem nützt das Ganze?

Nachdenklich macht Pollmer mit seinen Überlegungen zum Thema Diskriminierung – Gewicht ist erblich, Gewicht ist eine Veranlagungssache, der BMI ist zusätzlich denkbar ungeeignet als Meßinstrument (oder wer würde allen Ernstes George Clooney oder Brad Pitt für zu fett halten oder Renate Künast für gerade noch eben als dünn genug durchgehend?) und die Diskriminierung von Menschen mit einem von einer (willkürlichen) Norm abweichenden Körperbau ist ein grober Verstoß gegen die Menschenwürde. Aber wer nicht willig (oder fähig) ist sich dem erfolgreichen Abspecken zu unterwerfen, dem darf man anscheinend in Deutschland auch die Menschenwürde aberkennen…

Für mich besonders interessant sind seine (wie alle Behauptungen des Buches handfest durch Studien untermauerten) Erkenntnisse über die inneren Regelkreise und Funktionen des Körpers, die die alte Kalorien-In-Kalorien-Out-These ad absurdum führen, die deutlich zeigen, dass der menschliche Körper ein sehr viel komplexeres und schlaueres System ist als die Ernährungswissenschaftler uns weismachen wollen – und auch sehr viel besser als die aktuell politisch erwünschten Ernährungstrends tatsächlich weiss, was er braucht und was ihm gut tut, und sich genau das holt.

Unser Geschmack ist keine böse Laune der Natur, er hat einen evolutionären Sinn. Freude am Essen ist überlebensnotwendig. Wenn wir unserer Natur entsprechend handeln, empfinden wir Freude, wie bei der Sexualität. Aber wir wittern hinter jedem Genuß Fallstricke des Teufels.

erklärt Pollmer.

Genau die Lustfeindlichkeit, die protestantische Verzichtsethik ist es auch die Pollmer als zugrundeliegendes Syndrom unseres Diätwahns ausmacht, im Verein mit knallharten Wirtschaftsinteressen. So zitiert er selbst einen seiner Lieblingsgegner, den ehemaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), Volker Pudel, so:
Es käme ihm so vor, als hätten Jahrzehnte Beratung nur eines erreicht: Die Menschen äßen, was sie immer gegessen haben, aber jetzt mit schlechtem Gewissen.

Und, auch das lernen wir bei Pollmer, Streß ist der größte Gegner der Gesundheit. Streß, das ist nicht nur Mobbing oder das Dasein mit Hartz V, Streß wird auch und vor allem vom Fernsehen verursacht – einer der größten Dickmacher (neben Diäten, die Pollmer deswegen auch auf den Index des für Abnehmwillige Verbotenen setzt) ist das Streßhormon Cortisol, und das wird schon bei mehr als 1 Stunde Fernsehen am Tag ausgeschüttet. Studien haben ergeben, dass bei gleicher Bewegung und gleicher Kalorienaufnahme eine zusätzliche Stunde (oder mehr) vor der Glotze am Tag das Gewicht signifikant erhöht.

Und so bleibt mir nach der Lektüre dieses Buches, das ich jedem, vor allem aber Abnehmwilligen, Ärzten, Ernährungsberatern, Eltern und ganz besonders Politikern, die gerade über finanzielle Zwangsmaßnahmen gegen Dicke nachdenken, ans Herz legen oder wahlweise auch über den Schädel ziehen möchte, nur noch eins – das Diäten an den Nagel zu hängen, und statt dessen meinem Körper Vitamin D (Tageslicht) zuzuführen und TV und Streß zu reduzieren. Das ist die beste Gesundheitsvorsorge.

Lesen!

Bewertung: ★★★★★ 

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