Till Bastian – Krankheit auf Rezept?

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Krankheit auf Rezept? Die populären Irrtümer der Medizin

Die Erwartungshaltung an solch einen Titel ist hoch. Hier geht es jedoch nicht um die lange Liste an Nebenwirkungen, die allzu willfährig verschriebene Medikamente Patienten einbringen, wenn auch der Autor auch die Verschreibungspraxis vieler Ärzte neben manch anderen fragwürdigen therapeutischen Aktionen unter die Lupe nimmt.

Till Bastian, der selbst lange Jahre als Arzt tätig war und heute Wissenschaftjournalist ist, befasst sich zunächst mit einem Stück Medizingeschichte – von den Heilkünsten des Mittelalters zur glänzend weissen, vorgeblich keimfreien Wissenschaft Medizin, die alles zu erklären und zu lösen vorgibt, wenn sie es nur weit genug analysiert hat. Er erklärt aus dem Wissenschaftlichkeits-Anspruch der Medizin ihren heutigen Technologiewahn, den zwangsweisen Aktionismus der Diagnosemedizin auch zum Schaden des Patienten, aber auch die Unfähigkeit, wirklich Kranken und Sterbenden als Heiler und Tröster zur Seite zu stehen. Der erste Teil des Buches ist vor allem ein wissenschaftstheoretischer, ein philosophischer Text, der eine Neubesinnung einfordert in der Medizin.

Das ist ohnehin der Grundtenor des Buches – sich nicht von wahnsinnig wichtig klingenden Diagnosen beeindrucken zu lassen, die oft nichts aussagen ausser, dass die Mediziner auch nicht wissen, was los ist; sich für sich selbst wieder verantwortlich zu fühlen, statt die Verantwortung beim Betreten des Wartezimmers an den Gott in Weiss abzugeben, der es schon richten wird. Dazu trägt auch Bastians schonungslose Analyse der verschiedenen Erkrankungsbereiche im menschlichen Körper nebst ihren bekannten Mythen und Mißdiagnosen bei. Dass Fehldiagnosen mit dem Fortschreiten der medizinischen Technik nicht weniger, sondern mehr werden (etwa 10%), sollte uns zu denken geben…

Leider ist das Buch streckenweise sehr anstrengend zu lesen, der Autor verfällt in unnötig verschachtelte aufgebaute Kettensätze, die mit reichlich emotionalen Adjektiven gespickt sind. Weniger wäre hier mehr gewesen, und man fragt sich, ob der Lektor geschlafen hat. Dennoch, wer sich durch die ersten Seiten ohne Aufzugeben durcharbeitet, wird bald von den Fakten, die Bastian präsentiert, fasziniert sein und weiterlesen wollen. Das Ergebnis wird ein ganz neuer Blickwinkel auf die organisierte Medizin und ihren und unseren Umgang mit Gesundheit und Krankheit sein.

Bewertung: ★★★½☆ 

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