Terry Pratchett – Schweinsgalopp

In diesem Roman nimmt sich Terry Pratchett eines ganz besonderen Themas an – es geht um das Weihnachtsfest, oder genauer, auf der Scheibenwelt das Silvesterfest, zu dem natürlich geschmückte Silvesterbäume aufgestellt werden, man Mistelzweige aufhängt, und ein dicker Mann mit Bauch, Rauschebart und rot-weissem Mantel ausrückt und Groß und Klein mit Geschenken bedenkt. Same procedure as every year, möchte man dem „Schneevater“ zurufen, doch nicht in diesem Jahr.

schweinsgalopp

Terry Pratchett: Schweinsgalopp

Denn der Schneevater ist, nun, äh, irgendwie abhanden gekommen und so muss Tod mit einem Kissen auf dem Skelett, da wo der Bauch sein sollte, Überstunden machen, um den Job des Schneevaters mit zu erledigen.

Der Tod als Weihnachtsmann, das verspricht per se schon ein paar ziemlich schräge Gags, und die bleiben auch nicht aus, insbesondere nicht, da Tods Enkelin Susanne, eigentlich gänzlich unverdächtig normale Gouvernante zweier kleiner Kinder, den eigenartigen Verdacht hat, dass mit ihrem Opa einiges nicht stimmt. Und obwohl sie sich aus den Angelegenheiten der Unsterblichen eigentlich heraushalten will, landet sie mittendrin im Schlamassel um den verschwundenen Schneevater. Kann man Götter töten? Hat Tod den Schneevater umgebracht?

Im Roman tummeln sich ausserdem die Zauberer um Mustrum Ridcully und Ponder Stibbons, der an einer Denkmaschine namens Hex arbeitet, welche mit durch Röhren rennenden Ameisen betrieben wird und obskures Sonderzubehör wie ein Stundenglas und eine Maus benötigt und ständig „abstürzt“, der o Gott des Katzenjammers hat einen magenumstülpenden Auftritt, Tod findet Gefallen daran, zur Abwechslung zu geben statt zu nehmen, ein Assassine mit dem Namen Kaffeetrinken verfolgt ganz eigene Pläne, und Nobby Nobbs erlebt das fabelhafteste Silvester seines Lebens. Das alles kulminiert in einem Tohuwabohu zwischen den Existenzebenen, das im reinen Wortsinn in einem Schweinsgalopp seinen Höhepunkt findet.

„Schweinsgalopp“ ist eine launige Satire auf die Weihnachtsbräuche und den Kommerz in unserer Welt, die man gut solo lesen kann, ohne andere Scheibenweltromane gelesen zu haben – auch wenn die Kenntnis einiger Charaktere und Zusammenhänge dem Verständnis durchaus zuträglich ist. Die Anspielungen rund um die „Denkmaschine“ sind sehr gelungen, Pratchett beweist erstaunliche Einsichten in die Denkstrukturen von Kindern, und auch an einigen Running Gags wie pinkelnden Schweinen kann man seinen Spaß haben. Ich habe aber schon funkensprühendere, witzigere Romane von Pratchett gelesen, und das liegt keineswegs nur an der streckenweise mäßig gelungenen Übersetzung von Andreas Brandhorst.

Der deutsche Text leidet unausweichlich an der Unübertragbarkeit gewisser Wortspiele – so heisst das Buch im Original „Hogswatch“, etwa: Schweinebeobachtung, und die Silvesternacht folglich „Hogswatchnight“ – was Sinn macht, da der Schneevater (Original: Hogfather oder Schweinevater) mit einem von vier riesigen Schweinen gezogenen Schlitten vorfährt; gleichzeitig bedeutet der phonetisch eng verwandte Terminus „hogwash“ so viel wie Unfug, „Papperlapapp“. Natürlich ist das unübersetzbar, aber die Bezeichnung Schneevater / Silvesternacht wird dem auch stilistisch nicht im mindesten gerecht. Der Assassine, Herr Kaffeetrinken, ist im Original stimmiger – da heisst er Teatime und besteht darauf, dass er Te-ah-tim-eh gesprochen wird, das Beharren von Kaffeetrinken, man möge ihn „Kaf-Feh-Trin-Ken“ nennen ist in einer ganz anderen Liga angesiedelt. Der Joke, dass der Universitätscomputer einen Aufkleber mit der Aufschrift „Anthill Inside“ trägt, geht bei „Ameisenhaufen im Inneren“ unweigerlich verloren.

Schon auf den ersten 40 Seiten stechen mir beim Lesen zwei Interpunktionsfehler ins Auge, die im Englischen korrekt, in Deutsch aber stolpernd und falsch sind, und durch den ganzen Roman bzw. seine deutsche Übersetzung zieht sich eine Nivellierung der Sprache und der Wortwahl, die alles andere als eng am Original ist. So ist, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, „Die Anhäufung beobachteter Fakten ist noch lange kein Beweis“ eben nicht dasselbe wie „MERE ACCUMULATION OF OBSERVATIONAL EVIDENCE IS NOT PROOF“. Observational evidence ist ein im Wissenschaftsjargon feststehender Begriff.

Dennoch macht „Schweinsgalopp“ auch auf Deutsch Spaß und ist leichte unterhaltsame Fantasylektüre für zwischendurch, die vor allem durch die Situationskomik (Tod als Weihnachtsmann bzw. Hogfather mit dem getreuen Albert, der dafür sorgen muss, dass Tod nicht völlig überschnappt) und die eingestreuten Gags Leben gewinnt, während die Story an sich ein bisschen in ihren Unterfäden verzwirbelt, und das Ende nicht unbedingt berauschend ist. Wer kann, sollte aber das englische Original lesen.

Bewertung: ★★★☆☆ 

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