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Norbert Golluch – Stirbt ein Bediensteter während der Dienstreise… (Hörbuch)

Umständlich schön, unfreiwillig komisch, aber immer streng nach dem Buchstaben des Gesetzes: ein prall gefülltes Hörbuch mit Meisterwerken der Behördenprosa. Wir haben es immer gewusst: Die wahren Sprachschöpfer sitzen in unseren Amtsstuben und in den Ministerien, die Gesetzestexte verfassen. Die Fülle der ambitionierten Wort- und Sprachspiele lässt so manchen Lyriker und verdienten Prosaisten vor Neid erblassen.

schreibt Amazon.de bzw. wohl der Pressetext(er) über das Werk von Norbert Golluch.

Zumindest aber, was Urban Priol sehr gekonnt und mit hessischem bis pälzischem Zungenschlag auf dieser recht kurzen CD intoniert, wird dem Titel des Werks nur höchst bedingt gerecht.

dienstreise

Stirbt ein Bediensteter während der Dienstreise, so ist damit die Dienstreise beendet: Meisterleistungen der Beamtensprache

Denn auch wenn natürlich eine ganze Menge Beamtendeutsch Einzug in diese satirisch-heitere Stilblütensammlung findet, ist doch der bei weitem größere Teil aus Schreiben von Privatpersonen entnommen, die sich ihrerseits daran versuchen, Sachverhalte für Versicherungen, Polizeidiensstellen, Richter und andere möglichst formgerecht zu erstellen – und im großen Maßstab scheitern.

Hinein gemischt sind reichlich überspitzte (und zumindest für mich ermüdende) Umwandlungen literarischer Werke in Beamtensprech, etwa der Erlkönig von Goethe, plus einiges, das – wie der Autor auch im Vorwort anmerkt – so in Beamtensprache hätte stehen können, dies aber keineswegs tut. Tatsächlich gesteht Golluch, seine Texte zu weiten Teilen „im Internet“ gefunden zu haben, und an die Stelle echten Beamtendeutsches treten häufig selbst erfundene Pseudoformulierungen.

So verschenkt der Autor ein bisschen die Chance, dass sich hier das System der überverschwurbelten, an Verhauptwörterung und Verklausulierung erstickenden deutschen Amtssprache selbst persifliert. Eine Überzeichnung dieser teilweise lächerlichen Begrifflichkeiten ist wirklich nicht nötig, um den Leser bzw. Zuhörer hilflos lachen und den Kopf schütteln zu lassen.

Stirbt ein Bediensteter während der Dienstreise… sorgt für eine gute runde Stunde relativ amüsantes Hörvergnügen, was vor allem auf den großartigen Sprecher zurück zu führen ist. Urban Priol erweckt auch noch die widerborstigsten Satzkonstrukte zu sprühendem Leben; sein Vortrag macht aus einem eher uninspiriert zusammengeklaubten Buch dann doch noch eine runde Sache.

Eine Kaufempfehlung kann ich trotzdem nicht aussprechen – für die derzeit knapp 15 Euro, die für die CD anfallen, kann man nämlich auch sehr viel bessere und längere (Hör-) Bücher kaufen.

Bewertung: ★★☆☆☆ 

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Jeremy Clarkson – And Another Thing

Der erste Sammelband mit Glossen des bekannten Motorsport-Journalisten Jeremy Clarkson, simpel betitelt mit: The World According to Clarkson, hat mir sehr viel Spaß gemacht.

2007 erschien dann eine Sammlung von Glossen aus den Jahren 2004-2006:

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And Another Thing: The World According to Clarkson. Volume 2

Mit gewohnt spitzer Schreibe und gnadenlosem britischem Sarkasmus bewaffnet, widmet sich Clarkson in diesem Band so interessanten Themen wie Kreditkarten, deutschen vs. amerikanischen vs. neureichen russischen Touristen, schlechten Reality-TV-Shows, natürlich britischer Innenpolitik, der Sinnhaftigkeit von Ski-Resorts in Schottland, der Erfahrung im Zeitalter von Internet und Instant Messaging Kinder im Teenager-Alter zu haben, den Tücken des Brillenkaufs, der Unmöglichkeit in einem F15-Kampfjet eine Zieloptik korrekt zu bedienen, oder auch der Frage, warum es kein Vergnügen ist, in der Vorweihnachtszeit als Promi zu Werbezwecken durch alle Radioshows der Britischen Inseln durchgereicht zu werden.

Wie auch im ersten Band handelt es sich um seine Kolumnen aus der Sunday Times, die hier zusammen gefasst wurden, und die sich dank ihrer knackigen Kürze auch schön mal einzeln zwischendrin zur Erheiterung lesen lassen. Die Themenauswahl ist aber für meinen Geschmack nicht ganz so gelungen wie in Band eins, und auch hier merkt man selbstverständlich den Texten, die sich auf politische Themen beziehen, deutlich ihr Alter an.

Nach wie vor macht Clarksons respektlose Schreibe ungeheuren Spaß; nach wie vor gibt es im deutschsprachigen Raum niemanden der Vergleichbares produzieren könnte, aber so toll wie The World According to Clarkson ist dieser Band nicht geworden. Dennoch einen lohnenswerte Reiselektüre; ideal fürs Flugzeug… denn über Flugreisen regt er sich immer wieder gern (und fachkundig) auf 🙂

Bewertung: ★★★★☆ 

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Eckart von Hirschhausen: Die Leber wächst mit ihren Aufgaben

Von Hirschhausen scheint momentan medial überall zu sein – im Radio, im Fernsehen, auf der Bühne – und auf meinem Lesestapel. Ein bisschen war ich der immergleichen Bonmots und einstudierten Szenen über Glück und Menschheit ja schon überdrüssig, und hatte so meine Zweifel ob ich

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Die Leber wächst mit ihren Aufgaben: Komisches aus der Medizin

wirklich lesen sollte. Aber ein Blick in das Buch, und ich begann zu kichern… kein schlechtes Zeichen.

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San Sombrèro: Karibik, Karneval und Kakerlaken

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San Sombrèro: Karibik, Karneval und Kakerlaken

Amazon.de schreibt zu diesem „Reiseführer“:

San Sombrèro (…) heißt das mittelamerikanische Ziel der total verrückten Reiseführer-Reihe, die Länder beschreibt, die es gar nicht gibt! Nach dem zart-bitteren, osteuropäischen Molwanien und dem süß-sauren, südostasiatischen Phaic Tan ergänzt (…) das exotisch-scharfe San Sombrèro die Destinationen-Landkarte der mega-schrägen, aus Australien stammenden Guides.

Wenn Lateinamerika witzig überzeichnet dargestellt wird, gibt es morgens Frühstücksflocken mit Rum, dann tanzen Urlauber zur Ruhmeshalle der Seeräuber. Neben landeskundlichen Infos erfahren Leser alles zu den Regionen San Sombrèros — von der lärmenden Hauptstadt Cucaracha City, in der sich korrupte Präsidenten nur drei Monate an der Macht halten, bis zum dichten Regenwald Maraccas, wo Öko-Lodges so schnell aus dem Boden schießen, wie der Regenwald abgeholzt werden kann. Trendsetter seilen sich in Krater hinab, denn „Volcano-ing“ ist echt angesagt. Auf traditionelle Art hingegen wird das Essen in heimischen Strandcafés serviert — „nach zwei Stunden Wartezeit, kalt und an den falschen Tisch“

So weit, so falsch…

Nach dem Reiseführer in das Balkan-Land Molwanien, der gewissermassen Kultstatus als Satire auf Reiseführer und gleichzeitig augenzwinkernde Glosse über die Eigenheiten ehemaliger Ostblock- und Balkanstaaten geniesst – eine höchst amüsante Lektüre – haben die Autoren Tom Gleisner, Santo Cilauro und Rob Sitch sich dieses Mal aller Lateinamerika- und Karibik-Klischees angenommen die man auf einem Haufen versammeln kann. Und der Reiseführer, der ausführlich mit Karten, Symbolen, Tips und Tricks ausgestaltet ist, ist kaum noch von einem professionellen Guide zu unterscheiden, bis hin zur Ankündigung weiterer Titel (mit weiteren fiktiven Staaten) auf den letzten Seiten des Buches.

Die Karten, Ortsnamen und die spassige Legende zu den Karten sind sehr vergnüglich anzuschauen, hier wurde mit viel Liebe zum Detail gearbeitet. Das ist aber leider auch schon das Beste was ich über diesen Reiseführer sagen kann.

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Katinka Buddenkotte – Ich hatte sie alle

Katinka Buddenkotte arbeitete nach dem Abitur in verschiedenen Jobs, u.a. in einem Call-Center und einer Düsseldorfer Werbeagentur. Ihre Erfahrungen in diesen Branchen verarbeitete sie satirisch in ihrem Buchdebüt „Ich hatte sie alle“, das sich, nachdem es in der Sendung „Was liest du?“ von Jürgen von der Lippe vorgestellt wurde, zum Bestseller entwickelt hat und inzwischen in der 7. Auflage vorliegt (Gesamtauflage bis April 2009: 20.000 Exemplare). Derzeit arbeitet sie an ihrem ersten Roman.

So steht’s in der Wikipedia, und ja, auch ich bin an

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Katinka Buddenkotte: Ich hatte sie alle

nur wegen der Sendung „Was liest Du“ hängen geblieben.

Mit „Satirische Erzählungen“ ist das kleine Büchlein mit einem Umfang von 150 Seiten untertitelt, und satirisch und nicht selten überzogen sind die kleinen Stories durchweg.

Geschrieben sind sie, als habe Buddenkotte sie alle höchstselbst und haargenau so erlebt, und tatsächlich merkt man den kurzen Texten durchaus an, dass im Kern oft reale Erlebnisse stecken, gnadenlos (und manchmal zu arg) überzeichnet, aber mit einem wissenden und bitterbösen Blick auf das reale Leben und Marotten bestimmter Gruppen von Menschen aus ganz bestimmten Lebensbezügen, die zumindest ich schon so erlebt habe wie Buddenkotte sie karikiert.

Und so erwische ich mich beim Lesen – und vor allem Vorlesen, denn dafür sind diese Textbonbons geschrieben – oft beim hilflosen Lachen, aber leider verliert sich das durch das Buch hinweg, denn die Stories scheinen immer und immer wieder auf ein Klischee eines superlässig loserhaften Twentysomething in der ach-so-großen Welt hinauszulaufen, und auch der Witz verflacht zusehends, so als habe der Lektor die besten Geschichten an den Anfang gestellt – macht ja nix, wenn der Leser auf der Hälfte der Strecke aufgibt. Hauptsache das Buch ist verkauft. Vielleicht läuft sich die Abstrusität der Geschichten in der Häufung aber auch einfach irgendwann tot.

Manches ist fantastisch zusammenfabuliert und auch in absoluter Unglaubwürdigkeit der Fakten einfach noch eine hervorragende Satire, anderes ist banal und langweilig. Als launiges Vorlesebändchen für einen heiteren Abend kann ich Ich hatte sie alle durchaus empfehlen, als Komplettlektüre oder Solo-Werk dagegen ist es eher wie ein Quickie: Am Anfang noch sehr aufregend, dann aber viel zu schnell vorbei um gut zu sein, und man ist dann doch froh, dass es schon vorüber ist.

Bewertung: ★★★☆☆ 

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Droste, Heidelbach, Klink: Wurst

Ist nicht alles im Leben irgendwie Wurst? Dieser Frage stellen sich „ein kochender Schreiber, ein schreibender Koch und ein hungriger Zeichner“ in
wurst

Wiglaf Droste, Nikolaus Heidelbach, Vincent Klink: Wurst

Die 158 in rotes Leinen gebundenen Seiten sind prallvoll gestopft wie ein Wurstdarm mit kleinen Glossen und Satiren, Fachkundigem zur Wurst vom Sternekoch und gelernten Metzger Vincent Klink, Rezepten, Anekdoten aus aller Herren Länder und Lebensbereichen rund um die Wurst, und natürlich den liebevollen Farbzeichnungen von Nikolaus Heidelbach.

Man merkt dem Buch an, und es hat ihm nicht geschadet, dass Vincent Klink hier der Mann vom Fach ist, denn es ist sein geballtes Fachwissen, das dieses schön gestaltete Büchlein aus dem Hause DuMont von einem Geschenkbändchen für alle Fälle zu einem gestandenen kulinarischen Werk erhebt, aber es sind auch seine Bonmots, seine Lebensart, die Rezepte, die er so niedergeschrieben hat wie er sie auch in einer seiner TV-Sendungen frisch von der Leber weg erläutern würde, die dieses Büchlein prägen.

Über Vincent Klinks lebendige Geschichten aus dem Leben eines Kochs habe ich am meisten geschmunzelt. Das soll nun die Leistung Wiglaf Drostes, der an diesem Buch die Hauptschuld trägt, nicht schmälern, oder die wurstigen Kunstwerke Heidelbachs geringer machen als sie sind, aber das Buch ist dennoch vor allem eines aus der Feder von „Vinz“, und nach dieser Lektüre wünsche ich mir, dass er irgendwann, sollte er nicht mehr kochen, Vincents große Enzyklopädie der Wurst herausgibt.

Bis dahin folgt man am Besten als Wurst-Fan seinen Literaturempfehlungen und freut sich an diesem ungewöhnlichen kulinarischen Lesebuch, das sich den Genregrenzen entzieht, und gerade deswegen so viel Spaß macht. Großartig.

(textgleich erschienen auf foodfreak.de)

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Jeremy Clarkson – The World According To Clarkson

Jeremy Clarkson, einen der bekanntesten Journalisten rund ums Thema Auto, kennen viele Deutsche vor allem aus seiner Sendung TopGear bei der BBC. Diese ungemein lockere und dennoch stahlharte Autottestershow hat weltweit ein Riesenfanpublikum.

Eigentlich hat Clarkson das Journalistendasein aber von der Pike auf gelernt, als Zeitungsmann. Und dank seiner Popularität und seiner sehr prägnanten Art, seine Meinung über alles mögliche, das den Normalsterblichen so interessiert, in die Welt zu posaunen, hat die Sunday Times, eine große britische Wochenzeitung, ihn zu einer wöchentlichen Kolumne verpflichtet.

Eine Auswahl dieser Kolumnen findet man in
worldclarkson

The World According To Clarkson.

Ob es der Eurofighter ist, Urlaub auf Barbados, die Verwendung von Lotteriegeldern oder das Rauchen in Restaurants, Clarkson macht seinem Unmut über die Dämlichkeit von Politikern, Bürokratie, Blödheit von Mitmenschen, allerlei Absurditäten, aber auch der Verwunderung über die Großartigkeit technischer Errungenschaften oder die Frage, warum Männer ungern zum Zahnarzt gehen, Luft.

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Terry Pratchett, Neil Gaiman – Ein gutes Omen

Terry Pratchett kennen die meisten Leser von seinen Scheibenwelt-Romanen. Auch
gutesomen

Terry Pratchett & Neil Gaiman – Ein gutes Omen

gehört in den Bereich der Phantastik, hat aber mit Discworld nur einen übersprühenden Sinn für Humor gemeinsam. In aller Kürze, Gaiman und Pratchett, die sich hier als geniales Duo erweisen, beschwören Armageddon auf die Erde hinab.

Der Himmel, vertreten durch den Erzengel Rafael, und die Hölle in Form des Dämons Aleister Crowley, sollten eigentlich alles tun, um das von Gott vorherbestimmte Zeitenende herbeizuführen. Beide haben aber irgendwie viel wichtigeres zu tun auf Erden und geben sich, nun sagen wir, nicht die allerintensivste Mühe, ihren jeweiligen Aufgaben im Sinne ihrer Herren nachzukommen…

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