Stephen King – Lisey’s Story

Stephen King, der Großmeister der Horrorliteratur, ist vor wenigen Tagen 60 Jahre alt geworden. In den letzten 30 Jahren hat er mehr als 50 Romane geschrieben, von denen die meisten auch ins Deutsche übersetzt wurden. Warum

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Stephen King: Lisey’s Story

auf Deutsch „Love“ heißen muss, ist mir allerdings schleierhaft, ebenso wie die Frage, warum der Verlag das Buch nicht einfach „Bool“ genannt hat, ist dies doch der am häufigsten verwendete erfundene Begriff, der sich wie ein (blutiger) roter Faden durch den Roman zieht.

Die Handlung:

Lisa Landon, Ehefrau eines berühmten und erfolgreichen Horrorautors, findet zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes endlich die Kraft, sich den Geistern in seinem Arbeitsraum zu stellen und durch seine Papiere zu sehen, um das meiste davon nach und nach wegzugeben an Universitäten. Viele der Dinge, die sie findet, wecken alte Erinnerungen in ihr – manche davon so heftig, dass sie sie erneut durchlebt – und an einigen scheint sie plötzlich wie ein Geist tatsächlich noch einmal live teilzuhaben und neue Erkenntnisse über ihr Leben mit Ehemann Scott zu gewinnen. Scott hatte eine grauenvolle Kindheit, die von dunklen Geheimnissen überschattet wurde, und die Fähigkeit, sich in ein anderes, ebenso mystisch-faszinierendes wie tödlich-gefährliches Universum zu versetzen, welches er Boo’ya Moon nannte. Auch mit Boo’ya Moon muss Lisa sich auseinandersetzen, und mit einer mörderischen Art Schnitzeljagd, einem „bool hunt„, für den ihr Ehemann ihr noch zu seinen Lebzeiten Hinweise ausgestreut hat, die es nun zu enthüllen und zu verstehen gilt.

In der Zwischenzeit erleidet eine von Lisas Schwestern einen psychischen Zusammenbruch, und „Little Lisey“ muss sich um sie kümmern, ebenso wie um einen psychopathischen Fan ihres Mannes, der ihr nach dem Leben trachtet.

Die Grenzen sind also innerhalb eines bekannten King-Territoriums abgesteckt.

Als ich anfing, „Lisey’s Story“ zu lesen, war ich fasziniert – hier erschloss sich mir ein King-Roman wie aus seinen besten Zeiten, mit Tiefe, Vielschichtigkeit, einer kalten Gänsehaut beim Lesen, einem „sense of wonder“ und ineinander verflochtenen Familien- und Lebensgeschichten, die viele Stunden Lesespaß versprachen. Doch die Faszination verflog schnell und machte einer gelangweilten Anstrengung, dieses Buch zu Ende zu lesen, platz, etwas, das mir bei King selten passiert ist.

King ist für den inneren Dialog seiner Figuren wohl bekannt, in Lisey’s Story treibt er diese Methode allerdings zum Exzess, gewürzt mit übermäßig vielen Parenthesen und einem Vokabular erfundener Begriffe aus einer privaten Geheimsprache zwischen Lisey und Scott, sowie nicht minder willkürlichen und überreichlich eingesetzten Slang- und Dialektausdrücken aus dem Repertoire von Liseys Familie. Was spannende, erhellende sprachliche Spielereien hätten werden können, die einer relativ simpel gestrickten Liebesgeschichte (die sich um einen typischen King-Mystery-Plot windet) Würze verleihen, entwickelt sich so zu einem den Lesefluss behindernden Ärgernis.

Ein weiteres Problem ist, dass King die Geschichte von Lisey und Scott, aber auch die Geschichte von Lisey und ihren Schwestern, nach und nach in Rückblenden wie auch in Kapiteln aus der Jetztzeit erzählt, in denen Lisey Altes neu erlebt oder im Zusammensein mit ihren Schwestern Neues über Scott erfährt und dabei ihr Leben und ihre Liebe neu bewerten kann. Die Erzählstruktur wäre der Spannung förderlich, nur leider benötigt King geschlagene 200 Seiten, um überhaupt an einen Punkt in der Erzählung zu kommen, an dem dieses Konzept aufgeht und endlich etwas passiert.

Die Figur Lisey und ihre Motivationen werden durch den Roman hindurch immer unglaubwürdiger und schwerer zu verstehen. Erst auf den letzten 150 oder 200 Seiten nimmt der Roman Fahrt auf und wird zu einem der spannenden „page turner“, wie man sie von King kennt, doch da hat er den Leser schon bis zum Abwinken mit seinen Sprachmarotten und sinnlosen Handlungsteilen genervt.

Am Ende wirkt Lisey’s Story wie eine bunte Mischung aus Versatzstücken verschiedener King-Romane und -welten. Stark ist die Welt Boo’ya Moon, die er erfindet, und die Übergänge dorthin, und die emotionale Achterbahn wie tiefe Liebe zwischen Scott und Lisey, die diesen Roman ebenso trägt wie das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen Lisey und ihren Schwestern. Das alles reicht aber nicht aus, um den Roman wirklich gut und lesenswert zu machen.

Bezeichnenderweise wendet sich King im Nachwort an seine Leser mit den Worten

Quite often reviewers of novels (…) will say „So-and-so would have benefited from actual editing.“ To those tempted to say that about Lisey’s Story, I would be happy to submit sample pages from my frist-draft manuscript, complete with [my editor’s] notes (…) Nan did a wonderful job,

Abgesehen davon, dass wohl niemand davon ausgeht, dass ein Autor oder Verlag einen Erstentwurf veröffentlicht, hätte dieser Roman meines Erachtens tatsächlich mehr Bearbeitung gebraucht, und die Zeilen Kings sagen mir, dass ihm das wohl bewusst ist. Lisey’s Story hätte eine prima Novelle abgegeben, oder auch einen super Roman, wenn er knapp 200 Seiten weniger umfasste und entsprechend um seitenweise inneren Dialog der Haupthandlungsträger gekürzt worden wäre. So aber bleibt unterm Strich ein schales Gefühl der Enttäuschung, trotz eines fulminanten, emotionalen Finales des Romans, welches das Buch insgesamt leider nicht zu retten vermag.

Bewertung: ★★½☆☆ 

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