Michael Crichton – Prey

Schon der dem Buch vorangestellte Einleitungstext, Artifical Evolution in the Twenty-first Century, befasst sich mit einem von Crichtons Steckenpferden, der Systemtheorie, der Frage von selbstorganisierenden komplexen Systemen, und so ist der Themenkreis von

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Michael Crichton: Prey

bereits abgesteckt.

Wieder einmal, wie schon bei The Lost World und Jurassic Park, haben sich skrupellose Wissenschaftler im Namen von Forschung und Mammon aufgemacht, neue Technologien zu erforschen und über den Punkt hinaus weiterzuentwickeln, an dem sie noch abbrechen und die Folgen ihres Tuns hinterfragen könnten – das ist der Kern von Jurassic Park, von Timeline, und auch im vorliegenden Roman der Quell allen Übels.

Dabei weiß Crichton durchaus recht faszinierend und teilweise auch fachkundig aus der Welt der Nanopartikel und Nanorobots zu erzählen, er vermittelt faszinierende Einblicke in Möglichkeiten und Gefahren der Nanotechnologie, und das alles so einfach und prägnant erklärt, dass es auch ein weniger in der Materie steckender Leser gut nachvollziehen kann. Dass nicht alle Thesen, die er aufstellt, unbedingt richtig oder fundiert sind, dass vieles davon Sci-Fi-Fabulieren bleibt, ist eher ein Fall für klassische Nörgler, denn ein echter Kritikpunkt an diesem Roman, und auch Kleinkram wie das Verwechseln von Piezozellen und Solarzellen sei ihm verziehen.

An Kritikpunkten allerdings mangelt es nicht.

Der Held des Romans ist Jack Forman, Ex-Programmierer und Hausmann wider Willen, der – da er arbeitslos ist – voll und ganz für Haushalt und drei Kinder aufkommt, während seine Ehefrau Julia einen spannenden und gut bezahlten Job in einer Biotech-Firma hat und von Tag zu Tag müder und später nach Hause kommt. Irgendwann kommt Jack zu dem Schluss, dass sie ihn betrüge – wie sexy ist schließlich ein windelnwechselnder Vater daheim gegen die hart arbeitenden Kollegen vor Ort, die mehr von seiner Frau sehen als er selbst?

Und die Indizien scheinen ihm Recht zu geben. So ist Jack nur zu gerne bereit, einzuspringen, als in der fernab in der Wüste Nevadas gelegenen geheimen Forschungs- und Produktionsstätte der Firma plötzlich Bedarf an seinen Fähigkeiten als Programmierer herrscht – er sieht seine Chance gekommen, den mysteriösen Konkurrenten ausfindig zu machen. Und das tut er – der Konkurrent sind selbstorganisierte, von Bakterien erzeugte Nanoroboter, die dort entwickelt wurden und seither so etwas wie Schwarmintelligenz zu entwickeln scheinen. Einige von ihnen sind in die freie Wildbahn gelangt und machen nun Jagd auf kleinere Lebewesen, sie machen Beute (Prey). Doch es gibt noch eine viel größere Beute zu jagen…

Was sich entwickelt, ist ein filmreifer Actionplot, günstigerweise wie schon die Handlungen von Jurassic Park & Co. fernab der Zivilisation gelegen, mit Haupthandlungsträgern, die sich drehbuchgerecht dämlich verhalten und der Gefahr natürlich ohne Überlegung ins Messer laufen. Streckenweise erscheinen die Plots wie nachträglich auf Roman adaptierte Drehbuchteile (Movie Tie-in). Die Ich-Erzähler-Struktur ist der Perspektive eines Films angemessen und soll den Leser mit Jack mitfiebern, mit ihm die Ereignisse quasi live erleben lassen, und doch muss Crichton die Erzählung immer wieder unterbrechen, um erläuternde Einschübe zur Nanotechnologie oder Genetik dazuzupacken, die dem Leser erklären, was Jack natürlich längst weiß.

Die Charaktere sind flach und klischeehaft, und die Handlung ist bei aller Mühe, die tatsächlichen Zusammenhänge vor Jack und dem Leser geheim zu halten, mehr als vorhersehbar. Atemberaubend spannend geschriebene Abschnitte wechseln sich ab mit langweiligen und teilweise nicht im mindesten plottragenden Stellen, fast wirkt es, als sei dieses Buch von mehreren Personen geschrieben worden (was bei den Think-Tanks großer amerikanischer Autoren nicht unbedingt abwegig erscheint). Die Tempiwechsel sind irritierend, vom page turner zur Schlaftablette in Nullzeit, und am Ende geht auch die eigentlich sinnvolle Message – lasst uns Gentechnik und Nanotechnologie mit Verstand kontrollieren ehe es zu spät ist – in einem Kuddelmuddel aus positivem Hype über die Möglichkeiten und Horrorszenario der Nanofrankensteins, welche die Menschheit ausrotten könnten (was auch sonst), unter.

Wirklich spannend ist das Buch, von seinen wissenschaftlichen Überlegungen abgesehen, erst in den letzten zwei oder drei Kapiteln, die dafür durch unlogische Löcher und tumbe Action negativ auffallen.

Meines Erachtens vergibt Crichton hier ein großes Thema, aber ich vermute, dass den meisten Lesern das Buch dennoch gefallen wird, weil es die gängigen Actionfilmklischees routiniert bedient.

Bewertung: ★★½☆☆ 

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