Kathy Reichs – Devil Bones

Der 11. Roman der Temperance-Brennan-Reihe

Devil Bones beginnt mit einem an Dramatik kaum zu überbietenden Auftakt – Brennan sitzt in einem Meeting eines bürokratischen Ausschusses der Universität von North Carolina, und denkt darüber nach, dass sie bald sterben wird – und der Leser zuckt innerlich zusammen. Moment, Bones? Ist sie tödlich erkrankt? Woher weiß sie davon, und warum um Himmels willen sitzt sie dann da statt… doch das Ganze entpuppt sich als billiger Köder. Dr. Brennan ist einfach nur langweilig, und sie glaubt, dass sie vor Langeweile in dieser Sitzung sterben wird – ein Schicksal, das sich allerdings nicht einstellt.

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Kathy Reichs: Devil Bones

Vielleicht liegt es an der Location, denn ich bin – mit Ausnahme von Fatal Voyage – mit den Carolina-Romanen von Reichs nie so glücklich gewesen wie mit den Abenteuern aus Montreal, und das setzt sich in diesem Roman fort.

Temperance erhält die Aufgabe, sich Knochen aus einem Kessel anzusehen, der in einem Haus zufällig von Handwerkern gefunden wurde – an einem Platz, der als schamanistischer Tempel, Voodoo-Kultstätte oder auch Altar von Satanisten durchgehen könnte. Brennan kann mit ihren Kenntnissen der unterschiedlichen Voodoo-Kulturen der Karibik und ihrer feinen Unterscheidungsmerkmale glänzen. Ein Politiker macht massiv Propaganda gegen alles Nichtchristliche, Unverstandene als „böse kindermordende Satanisten“, und bekommt dafür reichlich Publicity, und noch mehr Knochen aus möglicherweise kultischen Zusammenhängen tauchen auf.

Das alles ist für den Anfang erst mal gar nicht übel und hat ein wenig das alte Brennan-Flair, denn die Wissenschaftlerin kann nicht nur mit forensischer Methodik, sondern auch mit solider Anthropologie punkten.

Tochter Kathy nimmt derweil Mums Schicksal in die Hand und versucht, Tempé mit ihrem derzeitigen Boss zu verkuppeln – was sie nicht weiss ist, dass der Auserwählte eine Flamme aus Tempés Highschoolzeiten ist, mit dem Brennan prompt in einem Alkoholexzess im Bett landet. Dazwischen taucht auch Andrew Ryan auf, den Temperance zwar noch liebt, dem sie aber nicht mehr vertraut, und der seinerseits eingesehen hat, dass sein Versuch, sich mit seiner Ex zu versöhnen um seiner drogensüchtigen Tochter zu helfen, falsch war.

Das vielleicht grösste Problem an diesem Buch ist, dass es nirgendwo hin führt. Es ist bestenfalls ein Lückenfüller, in einer TV-Serie wäre das eine der Episoden, die man getrost auslassen kann – am Romanende befinden sich die Protagonisten im gleichen seltsamen Dazwischen wie schon zuvor, mit Ausnahme der Tatsache, dass Dr. Brennan sich nun auch noch damit auseinandersetzen muss, keine „trockene“ Alkoholikerin mehr zu sein. Es werden neue Figuren eingeführt, insbesondere der neue Lover, und die Tatsache, dass Tochter Kathy vielleicht bald auf der Seite der Strafverteidigung gegen Tempé stehen könnte, deutet sich an.

Wie schon in den letzten Bänden fallen zu den Kapitelenden ausserdem immer wieder Cliffhanger-Sätze auf, die den Inhalt des vorangegangenen Kapitels schon mal vorsorglich als nutzlos deklarieren und auf dramatische Wendungen im nächsten hindeuten – das ist ein oder zwei Mal als Stilmittel ganz okay, aber dauerhaft nervt es gewaltig.

Die Story an sich ist recht spannend geschrieben, aber die Ermittlungen (warum eigentlich ermittelt Brennan wie Bones in der gleichnamigen Serie, statt ihren Laborjob zu machen und die Ermittlung Profis zu überlassen?) führen keineswegs zu brauchbaren Ergebnissen. Zu allem Überfluss liest sich der Roman, als müsse hier unbedingt jemand mal der US-amerikanischen Leserschaft mit dem Holzhammer klar machen, dass die Wicca-Religion keine Satanisten beherbergt – das Erklären von Wicca nimmt einen überdurchschnittlich großen Teil des Buches ein, was umso unangemessener erscheint, als es mit der Lösung des Falls nichts zu tun hat.

Ich wollte diesen Roman mögen, mit aller Kraft und ganzem Herzen. Den miesen Trick am Anfang hätte ich Reichs noch verziehen, zumal ihre Sprache sich stilistisch stark an die Anfänge von Brennan anlehnt, und weg geht von der dumpfen, abgehackten Prosa, die die letzten Brennan-Romane schwer lesbar machten. Aber der Plot ist nicht zwingend, die Handlung lässt die innere Logik zugunsten von Actionsequenzen vermissen, und die Charaktere bleiben blass und schwammig in ihrer eigenen Unentschlossenheit. An forensisch-medizinischen Details und Wissenschaft fehlt es nicht, und Fans der Anthropologie kommen durchaus auf ihre Kosten. Die Kritik an den religiösen Fanatikern der USA ist angebracht und gut transportiert, aber es gilt weiterhin: von Reichs habe ich schon weitaus Besseres gelesen.

Ich bin gespannt auf ihren neuen Roman 206 Bones, der bald erscheinen soll, und dann wieder in Montreal spielen wird.

Bewertung: ★★☆☆☆ 

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