Karl May – Durch die Wüste

Und ist es wirklich wahr, Sihdi[Herr], daß Du ein Giaur bleiben willst, ein Ungläubiger, welcher verächtlicher ist als ein Hund, widerlicher als eine Ratte, die nur Verfaultes frißt?

Das sind die Einstiegsworte zum Beginn von Karl Mays Orient-Zyklus, im ersten der 6 Bände, die Kara Ben Nemsi und seinen treuen Gefährten Hadschi Halef Omar durch die Länder des Nahen Ostens begleiten.

In

durchdiewueste

Karl May, Band 1: Durch die Wüste

reist der Held vom Schott el Dscherid in Tunesien über das türkisch geprägte Ägypten und den Sinai, nach Mekka und schliesslich ins Zweistromland, von wo aus sie zu den Jesidi Kurdistans aufbrechen.

Als Kind, vor nunmehr rund 30 Jahren, habe ich fast den kompletten Karl May (bis auf ein paar der in Europa spielenden Bände) gelesen, einfach weil er in der kleinen Ortsbibliothek vorhanden war und ich alles mit Indianern sowieso verschlang; damals empfand ich die Bücher als spannend und auch recht gut beschrieben. Nachdem bei Amazon eine kostenlose Kindle-Ausgabe von Karl May zu haben ist, tendenziell basierend auf den Edition Gutenberg-Ausgaben, habe bzw. hatte ich mir vorgenommen, zumindest den Orient-Zyklus einmal erneut zu lesen.

„Hatte“ deswegen, weil ich mir nach der Lektüre dieses Romans, der eigentlich eine Sammlung lose miteinander verbundener Geschichten ist (May schrieb sie als Fortsetzungsabenteuer für eine Zeitung), nicht sicher bin ob ich darauf weitere Lebenszeit vergeuden möchte.

Das beginnt damit, dass die Kindle-Ausgabe lückenhaft ist (wie auch einige Rezensenten bei Amazon beklagen). Ganze Absätze fehlen im Vergleich zur gedruckten Version einfach. Besonders bei Kapitelenden und -anfängen ist das ein wenig arg kontextverfälschend. Das geht weiter bei der Erkenntnis, dass die mir vertrauten „grünen Bände“ der Bamberger Ausgabe ganz offensichtlich massiv redigiert wurden, und sei es auch nur im Hinblick auf eine behutsam modernisierte Rechtschreibung. Zwar stören mich weder Kameele noch Heldenthaten, aber die Schreibweisen des 19. Jahrhunderts lesen sich doch heute recht mühselig – und hätten mich im Alter von 13 sicher stark im Lesefluss gehindert.

Vor allem aber werde ich mit der Erzählweise Mays nicht (wieder) warm – vielleicht hätte ich mir besser seine Indianer-Romane vornehmen sollen? Nicht nur, dass ich spätestens auf der Hälfte des Buches damit ringe, bei seitenlangen orientalisch-blumigen Lobpreisungen von was auch immer gähnen zu müssen, es ist vor allem die Sichtweise, die May verkauft, die mir heute sauer aufstößt.

Karl May schreibt Pulp, und nicht mal besonders guten. Bei einem Autor unserer Zeit würde ich sofort bemeckern, dass seine Abenteuer immer nach demselben Strickmuster ablaufen, und höchst unglaubwürdig ausgestaltet sind; im Rollenspielersinne: powergaming. Und natürlich ist der Herr Ben Nemsi der klügste belesenste stärkste usw… der jeden niederschlagen oder -schiessen kann und alleine dem Löwen entgegentritt, während die ’stolzen‘ Araber dazu zu feige sind. Er bringt ihnen natürlich Kriegskunst bei, von der die „Wilden“ ja keine Ahnung haben etc., und die Legende eines unbesiegbaren Fürsten aus dem Abendland reist ihm voraus, so dass ihm im Zweifel auch seine Gegner noch zu Füßen liegen.

Auch irritieren mich die aus heutiger Sicht recht rassistischen Darstellungen, die stark pauschalisieren, etwa: alle Griechen /Armenier sind Verbrecher, alle Muselmanen sind so und so, der sehr kolonial-herablassende Blickwinkel auf eine fremde Kultur, welcher natürlich in die Zeit des Kaiserreiches (und die Vorstellungen der Zeitungsleser dieser Zeit) passt, aber für mich inakzeptabel ist. Möchte ich mir davon noch fünf Bände antun? – Nein.

Dazu kommt dann noch das ständige ‚Herumreiten‘ auf der ach so überlegenen christlichen Lehre und der Gläubigkeit und Ehrenhaftigkeit des notorischen Lügners May, bis hin zu angeblich gottesfürchtiger Ergriffenheit am Sinai, an welchem Gott die Fluthen des roten Meeres getheilt habe. Koranfester als ein Muslim muss er allen beweisen, was für ein Übermensch und Edelgeist er doch ist, das ist in seiner massiven pseudo-demütig-gläubigen Ichbezogenheit einfach widerwärtig.

Fazit: Karl May nochmal lesen war vielleicht keine so gute Idee. Immerhin kann ich sagen: wenn man es tun will, sollte man hier tunlichst zum altmodischen gebundenen Buch mit dem grünen Einband greifen, statt sich auf die Digitalausgabe zu verlassen, die taugt wenig. Aber im Grunde muss man das nicht gelesen haben.

Bewertung: ★☆☆☆☆ 

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