Jonathan Kellerman – Evidence

Der 24. Alex-Delaware-Roman

Die Romane um den (ursprünglich Kinder-) Psychologen Alex Delaware haben mich ein weites Stück meiner Lesegeschichte begleitet, ich glaube ich habe fast alle davon gelesen, wenn auch nur eine Handvoll hier bislang Erwähnung gefunden hat. Das, was für mich die Faszination an Delaware und den Romanen Kellermans ausmachte, waren die psychologischen Einsichten und Gedankengänge der Hauptfigur, sowie die bildhaften, szenischen Beschreibungen der Landschaft, die Los Angeles und seine Umgebung wie einen Film vor mein inneres Auge holten.

In

evidence

Evidence

entfernt sich Kellerman von beidem immer mehr.

Die Geschichte ist ein klassisches police procedural, das eher in einen Ed McBain-Krimi passen würde, ganz routiniert geschrieben, aber dennoch nicht mehr als Krimidurchschnitt. Charakterentwicklungen der Haupthandlungsträger gibt es keine, die Story nimmt ausserdem nur sehr langsam Fahrt auf. Im Grunde ist der Psychologe Alex Delaware nicht mehr als ein Erzähler der Story, der Lieutenant Milo Sturgis bei einem Fall als dessen Faktotum begleitet – er ist weder für die Aufklärung hilfreich noch nötig noch trägt er sonst irgendwas zu den spannenden Teilen des Romans bei.

Die Handlung: Ein privat bezahlter Sicherheitsmann entdeckt bei einem seiner Routine-Rundgänge durch die leerstehende Bauruine eines Hauses in einem Stadtteil der Superreichen zwei Leichen. Sie befinden sich in einer sexuellen Stellung, der Mann wurde erschossen, die Frau erwürgt – und, wie sich später herausstellt, mit einem Revolver vergewaltigt.

Von dort entspannt sich ein Gewirr von Handlungsfäden um eine superreiche verhaltensgestörte Schweizer Architektin, Ökoterroristen, ein islamisch-animistisch geprägtes Sultanat auf einer erfundenen Insel in Indonesien, die über reiche Ölvorkommen verfügt, sowie verschiedene Schichten von Lug, Betrug, Liebeleien, und religiöses und politisches Geplänkel.

Eingestreut sind regelmäßige Fressorgien von Milo Sturgis, ein bisschen Scheinwerferlicht auf den (fiktiven) Polizeichef von Los Angeles, und das war es auch eigentlich an Bemerkenswertem. Die Auflösung des Falls ist banal, wie der ganze Roman einfach nur sehr mäßiger Durchschnitt. Szenenbeschreibungen werden zu kurzen Anrissen, die die Handlung in jede beliebige Stadt verlegen lassen könnten, zwischen den Protagonisten knistert und bewegt sich nichts, und der Plot lässt fingernagelzerbeissende Spannung, die das Ganze retten könnte, vermissen.

Evidence ist dieses Buch möglicherweise dafür, dass Kellerman längst nicht mehr selbst schreibt, sondern schreiben lässt – oder ihm mit Delaware und Sturgis schlicht die Luft ausgegangen ist. Keine Empfehlung, und sehr wahrscheinlich der letzte Delaware-Roman den ich je gelesen habe.

Bewertung: ★☆☆☆☆ 

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