Biographien

Jon Krakauer – Into the Wild

1992 starb Christopher McCandless, kaum 24 Jahre alt, in einem abgelegenen Gebiet von Alaska, nachdem er mit minimaler Ausrüstung durch die Wildnis gezogen war, an Hunger und körperlicher Auszehrung. Seine Geschichte hatte der amerikanische Outdoor-Spezialist und Profi-Bergsteiger, Jon Krakauer, kurz darauf in einem Artikel für das Outside-Magazin zusammengefasst und kommentiert.

Doch der Fall Chris McCandless liess Krakauer nicht los, und so macht er sich daran, die Lebensgeschichte und die letzte grosse Reise des hochintelligenten jungen Mannes zu recherchieren.

Jon Krakauer: Into the Wild

Aus dieser, man könnte sagen, Reisenacherzählung ist eine spannende Biografie geworden, ebenso wie eine Analyse des amerikanischen Traums von der Wildnis, der final frontier, die die ungezähmte Natur immer noch für viele darstellt, und von der sich Träumer, Abenteurer und Enthusiasten wieder und wieder verlocken lassen.

Auch Jon Krakauer gehört zu denen, die dem Ruf der Wildnis gefolgt sind, die sich bis an ihre Grenzen erprobt haben, und so flicht er in seine feinsinnige Geschichte auch eigene Erlebnisse aus Alaska ein, als seine private Expedition zum Devils Thumb, einem 2767 m hohen Berg an der Grenze Alaska/Kanada, fatal schiefgeht.

Krakauer spricht nicht nur mit Freunden, Familie und im wahrsten Sinne des Wortes Weggefährten von Chris, um sich ein Bild dieses empfindsamen, idealistischen jungen Mannes und seiner Motivationen zu machen, er greift auch zurück auf die Ideen von Henry David Thoreau, oder bezieht sich auf John Muir, den Gründer des Sierra Club, und erkennt viele der Antriebe von Chris McCandless in diesen wieder.

War Chris wirklich nur ein fehlgeleiteter junger Mann, der sich für unbesiegbar hielt, und zu viel Jack London und Tolstoi gelesen hatte, letztlich dahingestreckt von schlechter Vorbereitung und Hybris? Oder steckt noch etwas anderes hinter der tragischen Geschichte?

Schicht um Schicht enthüllt Krakauer, was Chris McCandless angetrieben haben mag. Dabei kommt er, und das ist für mich eine der Stärken dieses Buchs, zu Erkenntnissen, die seinen eigenen Artikel im Outside-Magazin teilweise widerlegen, ja er lässt sich darauf ein, am Ende mit anderen Schlüssen und einer Korrektur seiner eigenen Behauptungen da zu stehen.

Eine Biografie wie die vorliegende ist schwere Arbeit – nicht nur gibt es wenig bis gar keine Informationen über dieses kurze Leben, das der Autor untersucht, man weiß auch bereits von Anfang an, was geschehen wird. Dennoch gelingt es Jon Krakauer, die Spannung aufrecht zu erhalten, die Faszination der Natur und der freiheitlichen Ideale McCandless‘ zu vermitteln, zu zeigen wie sehr ein (hochbegabter) Außenseiter mit sich selbst und der ihn umgebenden (amerikanischen) Gesellschaft gerungen hat, und warum es am Ende zu der tragischen Katastrophe gekommen ist, die Anfangs- und Endpunkt des Buches darstellt.

Into the Wild ist eine Mischung aus Abenteuerroman, kritischem Journalismus und Biografie, geschrieben mit sehr viel Liebe zum Detail wie zum zugrunde liegenden Thema – der Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst im Spiegel der Natur.

Das Buch ist sehr eloquent geschrieben, und ich habe nur einen einzigen, klitzekleinen Kritikpunkt – für mich liest sich die Biografie von McCandless wie das „Drama des begabten Kindes“ – seine Charakterzüge lassen darauf schließen, dass er einen überdurchschnittlich hohen IQ hatte (hochbegabt war), und sein extrem ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit und seine bisweilen übermenschlich hoch angesetzten Ideale wie seine starke Kontaktscheu deuten auf zumindest näherungsweise autistische Züge hin, wie sie nicht selten bei Hochbegabten auftreten. Aber eine solche psychologische Analyse war nicht das Ziel von Krakauers Buch, er ist einem Kriminalisten ähnlich dafür den Indizien nachgegangen, die den Tod von Chris begleiten, und konstruiert daraus einen überraschend atemberaubenden Fall einer beinahe minutiös erzählten menschlichen Tragödie, bei der man unwillkürlich mitleidet.

Lesenswert.

Bewertung: ★★★★☆