John Grisham – Die Liste (Hörbuch)

John Grisham kennt wohl jeder – er ist seit “Die Firma” so etwas wie der Großmeister des juristischen Thrillers. Weltweit wurden über 60 Millionen seiner Bücher verkauft und in 29 Sprachen übersetzt, und zahlreiche seiner Bücher wurden erfolgreich verfilmt.

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John Grisham – Die Liste (6 CDs)
gelesen von Charles Brauer

Das Buch

In Die Liste kehrt Grisham zu seinen Wurzeln zurück, oder vielmehr, zu denen seiner Charaktere. 1989 erschienen sein erster Thriller Die Jury (A Time to Kill), der in Clanton, Mississippi spielte, und einige der Figuren tauchen in beiden Werken auf – zum Beispiel Lucien Wilbanks und Harry Rex Vonner.

Ich-Erzähler von Die Liste ist Willie Traynor, und auch wenn die Geschichte aus dem Blickwinkel der Jetztzeit erzählt wird, von einem alternden Traynor, spielt die Handlung doch in etwa im Jahr 1985 oder 1986, zeitlich also vor A Time to Kill.

Der Roman ist in drei Abschnitte unterteilt. In Abschnitt 1 wird erzählt, wie Willie Traynor mit abgebrochenem Studium in der Stadt anlangt, dank Sponsorings seiner Großmutter Redakteur und schließlich Besitzer der Lokalzeitung wird, und über einen spektakulären Mordprozess berichtet. Dieser erste Teil ist es, der an Bücher wie Die Firma erinnert, und in dem Grisham sein schreiberisches Können zeigt, zumindest soweit es um den Spannungsbogen geht.

Eine junge Mutter wird brutal vergewaltigt und vor den Augen ihrer Kinder ermordet. Wer der Täter ist, steht relativ schnell fest – der jüngste Spross einer reichen und in allerlei kriminelle Geschäfte verwickelten Familie der Gegend, der Padgitts, die Macht, Einfluss, Geld, Bestechung und Einschüchterung auffahren, um das Schlimmste zu verhindern. Dennoch wird Danny Padgitt verurteilt; allerdings nur zu Haft und nicht zur Todesstrafe, wie viele erwartet haben.

Im zweiten Teil erleben wir mit, wie sich Traynor, unter anderem durch seine reißerische Berichterstattung über Padgitt reich geworden, in Clanton einlebt, wie das Leben weiter geht, und er schließlich feststellen muss, dass Padgitt Freigänger ist, mehr Freiheiten als mancher Staatsbürger Mississippis genießt, und sich auf dem besten Wege befindet, auf Bewährung frei gelassen zu werden. Die Drohungen der Padgitts gegen Traynor und alle anderen Beteiligten sind jedoch nicht vergessen.

Damit kommt es zum dritten Teil, in dem – kaum dass Padgitt aus der Haft entlassen wurde – ein Juror aus dem damaligen Prozess erschossen aufgefunden wird, und etwas später ein zweiter. Durch den gesamten Roman zieht sich die Freundschaft von Willie Traynor mit der schwarzen Lehrerin und Jurorin Miss Callie, die nun um ihr Leben fürchtet. Ist wirklich Padgitt auf dem Kriegspfad?

Der zweite Abschnitt ist einigermaßen interessant, im dritten drängt sich das Gefühl auf, Grisham habe keinen Plan oder keine Lust mehr gehabt, an dem Buch weiter zu arbeiten, eher uninspiriert plätschert die Story dahin, aber der Autor ist noch die Auflösung des Falls schuldig, die recht unbefriedigend ist.

Das Hörbuch (6 CDs)

Charles Brauer, vielen als Kommissar Brockmöller aus dem „Tatort“ mit Manfred Krug bekannt, ist mittlerweile so etwas wie die deutsche Stimme von John Grisham. Dass er diesen Titel zu recht trägt. stellt er in Die Liste ein weiteres Mal unter Beweis. Trotz der Längen, die das Buch streckenweise aufbietet, macht es bis zuletzt Spaß, ihm zuzuhören, wie er dieses Mal in der Rolle des auf sein Leben zurückblickenden Willie Traynor von den Geschehnissen in Clanton, Mississippi berichtet.

Obwohl ich gegen Ende etwas gelangweilt war, was am zuvor abgestorbenen Spannungsbogen der Story liegt, nicht am Vortragenden, gelingt es Brauer, aus dem Roman das Beste heraus zu holen.

Fazit

Zum Teil ist die Handlung vorhersehbar, zum Teil suhlt sich Grisham (meines Erachtens unnötig) in Rollenklischees der Südstaaten, teilweise macht seine Beschreibung von Clanton und seinen schrulligen Charakteren aber auch einfach Spaß. Problematisch ist, dass durch die Erzählweise viel der Spannung verloren geht – der Leser/Hörer erlebt nicht mit, sondern bekommt die Handlung nacherzählt von Traynor, dadurch fehlt etwas Lebendigkeit.

Stärken hat das Buch in seiner Darstellung des Kleinstadtlebens der Südstaaten. Rassimus, Politik und ein ganz selbstverständliches Maß an Korruption gehören ebenso dazu wie das für meinen Geschmack etwas zu oft erwähnte Südstaaten-Essen, das der Erzähler bei seiner Freundin Callie Ruffin in sich schlingt. Insgesamt sehr viel Zeitgeschichtliches und Lokalkolorit, aber wenig zwingende Handlung und Drama, die Charaktere bleiben bis auf einige wenige blass und austauschbar, und die Familie der superbegabten superhöflichen superwohlerzogenen Schwarzen trieft nur so vor Political Correctness.

Als Hörbuch ist mir die Geschichte um ungefähr eine CD zu lang, dennoch ist sie dank des wieder einmal glänzend aufgelegten Charles Brauer auch auf langen Autofahrten angenehm zu hören gewesen. Für Grisham-Fans auf jeden Fall zu empfehlen, aber sonst eher nicht vom Hocker reissend.

Bewertung: ★★★☆☆ 

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