Joe Haldeman – The Accidental Time Machine

Joe Haldeman gehört seit The Forever War (deutsch: Der ewige Krieg) zu den bekannten Namen in der Science Fiction, und erhielt sowohl Hugo- als auch Nebula Awards.

2007 legte er einen neuen Roman mit dem Titel

timemachine

The Accidental Time Machine

vor.

Das Buch war der Lesevorschlag für den August bei Reading With Becky, SciFi mag ich ohnehin gern – so kam ich dazu, tatsächlich einmal Science Fiction zu lesen, die nicht schon 20 oder mehr Jahre auf dem Buckel hat.

Hauptfigur des Romans ist Matt, studierter Physiker am MIT, der seit 4 Jahren einen Assistentenjob hat und an seiner Dissertation wurstelt. Der Winter in Boston ist nasskalt, und er arbeitet zu viel. Spät abends vor dem Wochenende bastelt er an einem Kalibrator, einem Gerät das „genau ein Photon per Chronon“ emittieren soll, wenn man auf das Knöpfchen drückt. Doch stattdessen verschwindet das Gerät. – Und ist eine Sekunde später wieder da.

Bei weiteren Versuchen stellt sich heraus, dass das Gerät – die zufällig entstandene Zeitmaschine – nach jedem Drücken des Reset-Knopfes länger dort verweilt, wo auch immer es sich befindet. Und so nutzt Matt das lange Wochenende – sein Boss hat ihn heimgeschickt, seine Freundin hat ihn verlassen – zu weiteren Experimenten mit der Maschine. Er besorgt sich eine Schildkröte und schickt sie mit einem etwas komplexeren Versuchsaufbau dahin wo auch immer die Maschine verschwindet. Herman the Turtle überlebt das Experiment, ohne auch nur ein Salatblatt angerührt zu haben, obwohl er 3 Tage verschwunden blieb, und die beigelegte Stoppuhr lief nur 1 Sekunde. Matt schliesst daraus, dass das Ding (warum?) durch die Zeit in die Zukunft reist, und überlegt, ob er selbst mit der Maschine reisen könne.

Als er auch noch seinen Job an der Uni verliert, ist der Entschluss schnell gefasst, und er begibt sich in ein gewagtes Experiment. Mit dem alten Auto eines Freundes als Transportkäfig, in den er selbst einsteigt (unter anderem bewaffnet mit einem Taucheranzug, um nicht zu ertrinken, sollte er im Hafenbecken wieder auftauchen), löst er die Maschine aus – und wird gefühlte Sekunden später festgenommen, weil der Mann, der ihm das Auto geliehen hat, gestorben ist als sein Auto vor seinen Augen verschwand. Das ist 4 Wochen her. Nun soll Matt sich wegen Autodiebstahls und Mord verantworten.

Doch etwas erstaunliches passiert: kaum dass er im Knast sitzt, wird er per Kaution (1 Million Dollar) auch wieder herausgeholt – und die Anwälte, eine teure hochangesehene Sozietät, versichern ihm, jemand der ihm ähnlich gesehen habe habe ihnen das Geld gegeben und den Zeitpunkt wann sie ihn herausboxen sollen. Und dieser Jemand hatte noch eine Botschaft für ihn: Grab the car and go.

Das lässt Matt sich nicht zweimal sagen. Zweimal allerdings drückt er den Knopf seiner Zeitmaschine, die sich in logarithmischen Sprüngen in der Zeit vorwärts bewegt, was dazu führt dass er rund 200 Jahre nach seinem Verschwinden in einer unbelebt wirkenden Gegend Neuenglands wieder auftaucht und sich mit einer mittelalterlich anmutenden Theokratie konfrontiert sieht, in welcher „Die zweite Wiederkunft Christi“ stattgefunden hat und das MIT zum Institut für Theosophie mutiert ist.

Haldeman spendiert dem Leser einiges Geplänkel über Wissenschaft und den allwissenden Gott in der religiös orientierten Gesellschaft, bis Matt vor dem allessehenden, anscheinend holographischen Jesus die Flucht ergreift und sich nun gleich fast zweitausend Jahre in die Zukunft katapultiert, im Schlepptau eine hübsche und naive christliche Jungfrau.

Es folgt ein kurzer Einblick in eine von hemmungslosem Gütertausch und Bartering geprägte Gesellschaft wohlhabender Kalifornier, die wenig anderes tun als es sich gut gehen lassen, und ihr Leben von einer KI mit Namen LA (nein wirklich) regeln lassen. Doch noch immer hat Matt keine Methode gefunden, eine Zeitmaschine zu bauen die ihn in der Zeit zurück bringt. Da macht LA ihm einen eigentümlichen Vorschlag…

Das Buch ist im groben in 4 Abschnitte unterteilt. Der erste umfasst Matts Leben vor der Zeitreise bzw. in seiner eigenen Lebenszeit, der zweite ist die Episode mit den „Christeners“ die im Westen Neuenglands einen offenbar lokalen Gottesstaat errichtet haben, Abschnitt drei ist die rosa Happypillen-Zukunft im Kalifornien / New Mexico etwa des Jahres 4200, und Abschnitt 4 schliesslich ist ein wildes Gehopse durch die Zeiten. Wie hinten angeklebt wirkt dann noch ein Teil über das Leben des Protagonisten nach der Auflösung.

The Accidental Time Machine liest sich relativ flüssig, ist aber leider ein ziemlich oberflächlicher Roman, der an mittelmäßige Jugendliteratur erinnert, sowohl vom Umfang als auch vom Tiefgang her.

Die Charaktere bleiben vergleichsweise flach, Matt wandert durch die Zeiten ohne von den Implikationen wirklich beeindruckt oder emotional berührt zu sein. Die Beziehungen zwischen den Charakteren, namentlich Matt und Martha (eine arg offensichtliche Version der Weena aus Wells‘ Time Machine) sind abziehbildhaft und vorhersehbar, und so etwas wie Charakterentwicklung gibt es bei Haldeman quasi gar nicht. Dazu passt, dass er nie wirklich erklärt, was passiert ist, und auch die beiden höchst interessanten Kulturen, die er vorstellt, nur anreisst und nicht schlüssig erklärt (ebensowenig wie das Fehlen anderer gesellschaftlicher Strömungen in ihnen, sie scheinen komplett totalitär zu sein, ein Totalitarismus, dem sich entgegen der menschlichen Natur alles unterwirft).

Hätte Haldeman sich die Zeit genommen, mehr als nur einen flüchtigen Blick auf diese Kulturen zu werfen, sie auszuarbeiten im Kontrast zu den Erfahrungen von Matt (und Martha), vielleicht wäre etwas anderes, aufregenderes und den Geist fordernderes dabei herausgekommen als nur eine „Buck Rogers with a small beer belly“-Version, wie sich Matt irgendwann selbst ironisch sieht. So aber ist das ganze ein Space Race auf dem Niveau eines mäßigen Scifi-B-Movies, mit einem Ende das Deus ex Machina quer drübergestempelt hat und absolut unbefriedigend ist.

Fazit: nach einem etwas lauen Anfang nett zu lesen, aber sowohl Charaktere als auch Handlung und Ideengerüst bleiben ohne Tiefgang. Ein Buch, das man ebenso schnell vergisst wie man es gelesen hat, und das zu Recht. Schade.

Bewertung: ★★½☆☆ 

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