Ian R. MacLeod – Aether

Es darf schon als erstaunlich bezeichnet werden, wenn im Zeitalter der schnelldrehenden Fantasy- und Scifi-Taschenbuchausgaben ein Roman des Genres Fantasy als Hardcover herausgebracht wird. Klett-Cotta als Herausgeber von u.a. der bibliophilen Hardcover-Ausgabe der Carroux-Übersetzung des Herrn der Ringe hat dieses Experiment mit

aether

Aether von Ian R. MacLeod

gewagt.

„Aether“ ist ein sehr ungewöhnliches Fantasy-Buch, das sowohl vom Setting – eine Art viktorianisches England mit Einsprengseln frühester industrieller Revolution – als auch vom Thema her mehr an Dickens und Thackeray erinnert, als an einen klassischen Fantasyroman.

MacLeod erzählt aus einer Welt, die vom „Aether“ bestimmt wird, einer magischen Substanz, die in unmenschlicher Schufterei in Minen ähnlich wie die Kohle abgebaut wird, und der die Kraft innewohnt, Dinge zu bewirken. Mit Aether werden Zauber gewoben, Schlösser versiegelt, Maschinen angetrieben und statisch unmöglich haltbare Gebäude zusammengehalten. Aether ist der Pulsschlag einer in Gilden organisierten Gesellschaft.

Zwei Haken hat die Sache allerdings. Der Aether ist nicht unerschöpflich – dieses Faktum ist aber nur den höchsten Gildenmeistern bekannt – und der Kontakt mit dem magischen Mineral kann verändern, die Menschen zu Feen, Trollen, Wechselbälgern werden lassen, kann sie langsam und grauenvoll dahinschwinden lassen… so passiert es der Mutter von Robbie, der als Kind der Werkzeugmachergilde geboren wird, und den es doch zu viel Höherem zieht.

Sehr detailreich und soziologisch genau hat MacLeod seine Welt ausgestattet, die einem so bekannt und doch so fremd vorkommt. Es macht Spaß, seinen verstreuten Indizien nachzuspüren – wie etwa einer Weltausstellung, der ersten, am Themseufer – und sein Aether-England zeitlich ungefähr einzuordnen, sind seit dieser ersten Weltausstellung doch etwa 100 Jahre – ein industrielles Zeitalter – vergangen.

Und natürlich gibt es in der sauber geordneten Welt der Gildenmeister und -meisterinnen (eine Bezeichnung die jedem eingeweihten Gildenmitglied zusteht) auch Underdogs, Gildenfreie, Bracks – und Ultrareiche, die Adligen gleich von Ball zu Ball und von Seance zu Seance flattern. Dazwischen die Wesen des Schattenreiches, die Opfer des Aethers, die doch dank ihrer besonderen Gaben gebraucht werden, um das System am Laufen zu halten… oder in Irrenanstalten verschwinden, wenn sie für ihre Umwelt unerträglich zu werden scheinen.

Aus der Sicht von Robert Borrows lernt der Leser diese Welt kennen, wächst mit ihm auf, beginnt, Zusammenhänge zu erfassen, Grenzen zu sehen. Quer durch alle sozialen Schichten und quer durch England, von den Kohle/Aether-Revieren ins Swinging London führt die Reise von Großmeister Borrows, der begreift, dass jemand die Welt retten muß, weil es so nicht weitergehen kann…

„Aether“ ist eine aus dem Rahmen des Gewohnten herausfallende Geschichte, die sich am besten unter klassischer „Phantastik“ einordnen lässt. Am Ende hat sie aber einen Nebengeschmack von Banalität und Sinnlosigkeit, erscheint bisweilen wie ein Jugendroman mit moralisch erhobenem Zeigefinger. Die Handlung ist spätestens auf der Hälfte des Romans nicht mehr zwingend, die Charaktere bleiben ausserhalb ihrer sozialen Funktionen seltsam fahl, und schon aus dem einleitenden Kapitel ergeben sich Rückschlüsse auf das recht vorhersehbare Ende.

Spannend ist vor allem das historische Konstrukt einschließlich Nachbarstaaten, das MacLeod entwirft, das feine Einflechten realer historischer Details in seine fiktive parallele Realität, die Spurensuche nach Bekanntem in einer anderen Daseinsebene – hier ist ihm ein ausgezeichneter Entwurf gelungen, den Großmeister Borrows und seine Lebensgeschichte aber leider nur zum Teil zu sprühendem Leben erwecken können.

Ein wahrlich ‚anderer‘ Fantasyroman mit Längen und einigen Schwächen, der wegen seines aussergewöhnlichen Blickwinkels und Weltenentwurfs dennoch das Lesen wert ist.

Bewertung: ★★★½☆ 

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