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Jared Diamond – Collapse

Sachbücher, insbesondere solche die sich mit Anthropologie, Ökologie, Klimaveränderung und auch menschlicher Siedlungsgeschichte befassen, lese ich sehr gern und – offen gesagt – zum Vergnügen. Für

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Jared Diamond: Collapse
How Societies Choose to Fail or Succeed

habe ich allerdings über 3 Jahre und ungefähr 14 Anläufe gebraucht, bis ich das Buch komplett gelesen hatte. Warum?

Jared Diamond ist ein bekannter amerikanischer Evolutionsbiologe und Biogeograf. Einem breiteren Publikum wurde er durch seine Bücher The Third Chimpanzee (über die Evolution des Menschen) und Guns, Germs and Steel: A Short History of Everybody for the Last 13000 Years bekannt.

In Collapse (auf Deutsch als Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen erschienen) stellt Diamond die These auf, dass sich Homo sapiens durch schlechte / falsche / kurzsichtige gesellschaftlich-wirtschaftliche Entscheidungen selbst ausrotten kann, weil er seine Umwelt zerstöre (n muss), und versucht, Muster dieser falschen (und richtigen) Entscheidungen anhand verschiedener Kulturen aufzuzeigen, bei denen das mit dem Überleben geklappt hat oder eben schief gegangen ist.

Zu Beginn liest sich das Buch sehr flüssig – Diamond beginnt bei seinen eigenen Beobachtungen in Montana, bei befreundeten Ranchern, einer verfehlten Landwirtschafts-, Wasser- und Minenbaupolitik, und wie diese das Leben der dort Ansässigen verändert und die Umwelt dauerhaft beeinflusst, so dass von Nachhaltigkeit beim Wirtschaften keine Rede mehr sein kann.

Dann folgen Kapitel über die Anasazi, die Kultur der Osterinseln sowie die Pitcairn Islands, die Maya, die Expansion der Wikinger, die nordische Besiedlung Grönlands, Neu-Guinea, das Tokugawa-Japan, Genozid und Umweltprobleme in Ruanda, die Dominikanische Republik und Haiti, China und Australien, sowie ein abschließender Block mit Diamonds Schlussfolgerungen.

Bis zu den Wikingern habe ich mit Interesse, aber durchaus auch Unbehagen ob des lockeren Umgangs mit den Fakten gelesen. Den Abschnitt über die nordische Besiedlung Grönlands und das Aussterben der Grönländer musste ich insgesamt 8 Mal neu zu lesen anfangen, da sich zwischendrin unendliche Müdigkeit und Langeweile einstellten – dazu gleich mehr. Die Texte über Ruanda und Haiti schließlich sind wieder sehr spannend, bedürften aber einer genaueren historischen Prüfung.

Diamonds Buch beginnt mit einer These; daran ist zunächst nichts falsch. Diese These und die Belege, die er dafür anführt, hämmert Diamond aber durch das Buch immer und immer wieder penetrant in die Köpfe seiner Leser; ich fühle mich an eine einschläfernde Vorlesung erinnert – es ist, als traue der Autor seinem Leser nicht zu, sich die simpelsten Fakten und theoretischen Konstrukte auch nur für 20 Seiten zu merken. Insbesondere die Kapitel über Wikinger und Norweger sind langatmig und unnötig aufgebläht. Auch das könnte man noch hinnehmen, wenn Diamond denn seine Punkte wenigstens konzise wissenschaftlich belegen könnte.

Stattdessen beschleicht mich beim Lesen das Gefühl, dass hier ein Think-Tank für Diamond Sekundärliteratur querrezipiert hat. Tatsächlich sind die erwähnten Fakten fast deckungsgleich mit denen aus Vikings – A North Atlantic Saga (ein Werk des Smithsonian Institute), und viele Begrifflichkeiten und Behauptungen Diamonds halten nicht mal einfachsten Prüfungen auf Glaubwürdigkeit stand.
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Matthew Dicks – Something Missing

Die Hauptfigur von Matthew Dicks‘ Debutroman ist Martin. Martin ist ein ganz spezieller Typ. Er betrachtet sich selbst als Dienstleister… und die Menschen in deren Häuser er einbricht als seine Kunden. Denn er leistet ihnen unschätzbare Dienste. Er isst die Nahrungsmittel, die sie sowieso vergammeln liessen, erleichtert sie um überzählige Rollen Toilettenpapier oder auch portionsweise abgepumptes Shampoo, und er hinterlässt ihre Wohnungen stets absolut in dem Zustand in dem er sie vorgefunden hat.

Auch an wertvollen Dingen (die er bei eBay verkauft) nimmt er nur die mit, die garantiert niemals vermisst werden. Um das zu erreichen, beobachtet er seine Subjekte wochen-, ja monatelang. Dabei liest er in ihren Tagebüchern, blättert in ihren Fotoalben, lernt ihren Lebensrhythmus kennen, ihre Macken und Eigenheiten, und entwickelt eine sehr seltsame aber dennoch aus seiner Warte freundschaftliche Beziehung zu seiner Klientel. Martin ist ein Dieb, aber so in etwa der ungewöhnlichste Dieb den man sich vorstellen kann.

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Matthew Dicks: Something Missing

Seine Obsession mit seinen ‚Kunden‘ (und seine Zwanghaftigkeit und sein Drang zu Ordnung und Sauberkeit) sind so tiefgehend, das er es nicht über sich bringt, eine Zahnbürste, die ihm versehentlich in die Toilette gefallen ist, einfach wieder zurück ins Glas zu stellen, denn er malt sich die schrecklichen Folgen dieses unhygienischen Tuns aus, und das kann er ja seinen Freunden nicht zumuten.

Stattdessen versucht er sich in einer halsbrecherischen Jagd nach der perfekten Kopie der Zahnbürste in viel zu wenig Zeit darin, den Schaden den er anrichten würde zu verhindern – und bringt sich in Teufels Küche. Denn nun beginnt er sich auch in das Leben seiner ‚Kunden‘ einzumischen, in dem altruistischen Versuch ihnen zu helfen, die Dinge „richtig“ zu machen, Beziehungen zu retten… etwas das mit seiner Zwanghaftigkeit ebenso kollidiert wie mit der Notwendigkeit unsichtbar zu bleiben. Und so wird er zu einem selbsternannten Schutzengel seiner Klienten, bricht immer mehr seiner akribisch-neurotisch selbst erlassenen Regeln die ihn schützen (und über die man sich beim Lesen königlich amüsieren kann), und es kommt wie es kommen muss: jemand kommt ihm auf die Schliche…
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Time-Life: Wie sie damals lebten – Im alten Ägypten

In der von Denise Dersin für Time-Life herausgegebenen Reihe „Wie sie damals lebten“ erschien 1996 erstmals der Band über das antike Äygpten:

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Wie sie damals lebten : Im alten Ägypten

Im Impressum kann man lesen, dass das Buch fachlich von Peter A. Piccione begleitet wurde, sowie von Thomas Dousa, der als Sprachspezialist maßgeblich am Demotic Dictionary beteiligt war und ist.

Auf 192 Seiten entfaltet sich ein bunt dekoriertes Bild der ägyptischen Kultur über mehrere Jahrtausende. Das gebundene Buch ist hochwertig verarbeitet, die Qualität der oft großen Abbildungen sehr gut.
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Droste, Heidelbach, Klink: Wurst

Ist nicht alles im Leben irgendwie Wurst? Dieser Frage stellen sich „ein kochender Schreiber, ein schreibender Koch und ein hungriger Zeichner“ in
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Wiglaf Droste, Nikolaus Heidelbach, Vincent Klink: Wurst

Die 158 in rotes Leinen gebundenen Seiten sind prallvoll gestopft wie ein Wurstdarm mit kleinen Glossen und Satiren, Fachkundigem zur Wurst vom Sternekoch und gelernten Metzger Vincent Klink, Rezepten, Anekdoten aus aller Herren Länder und Lebensbereichen rund um die Wurst, und natürlich den liebevollen Farbzeichnungen von Nikolaus Heidelbach.

Man merkt dem Buch an, und es hat ihm nicht geschadet, dass Vincent Klink hier der Mann vom Fach ist, denn es ist sein geballtes Fachwissen, das dieses schön gestaltete Büchlein aus dem Hause DuMont von einem Geschenkbändchen für alle Fälle zu einem gestandenen kulinarischen Werk erhebt, aber es sind auch seine Bonmots, seine Lebensart, die Rezepte, die er so niedergeschrieben hat wie er sie auch in einer seiner TV-Sendungen frisch von der Leber weg erläutern würde, die dieses Büchlein prägen.

Über Vincent Klinks lebendige Geschichten aus dem Leben eines Kochs habe ich am meisten geschmunzelt. Das soll nun die Leistung Wiglaf Drostes, der an diesem Buch die Hauptschuld trägt, nicht schmälern, oder die wurstigen Kunstwerke Heidelbachs geringer machen als sie sind, aber das Buch ist dennoch vor allem eines aus der Feder von „Vinz“, und nach dieser Lektüre wünsche ich mir, dass er irgendwann, sollte er nicht mehr kochen, Vincents große Enzyklopädie der Wurst herausgibt.

Bis dahin folgt man am Besten als Wurst-Fan seinen Literaturempfehlungen und freut sich an diesem ungewöhnlichen kulinarischen Lesebuch, das sich den Genregrenzen entzieht, und gerade deswegen so viel Spaß macht. Großartig.

(textgleich erschienen auf foodfreak.de)

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Robyn Davidson – Spuren

Robyn Davidson ist 27 Jahre alt, als sie einer verrückten Idee nachgeht – mit Kamelen den australischen Kontinent zu durchqueren. Und das ohne einen Penny in der Tasche, ohne Ahnung vom australischen Outback, und mit einer riesigen Portion Naivität. So ist vorprogrammiert, dass sie, die weisse Frau inmitten von Ultra-Macho-Land, zunächst einen nervaufreibenden Kampf mit ihrer Umwelt führt. Fast zwei Jahre arbeitet sie in lausigen Jobs in Alice Springs, um ihren Unterhalt zu sichern und von einem sie ausbeutenden Kamelhändler alles zu lernen, was sie über Kamele lernen kann.

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Robyn Davidson – Spuren. Eine Reise durch Australien

Sie steht das durch dank ihrer Vision, dank ihrer überbordenden Liebe zu dem Land und zu den Tieren, mit denen sie zusammenarbeitet.

Dann, endlich, zieht sie los, mit vier halbwilden Kamelen und einem abgerissenen Hund, und durchquert innerhalb von 8 Monaten die Gibson-Wüste allein.

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Monica Cacciatore & Claudia Daiber – Hülsenfrüchte

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Monica Cacciatore & Claudia Daiber – Hülsenfrüchte

Leguminosen haben sich ihren Platz in den Länderküchen der gesamten Welt erobert – sie sind nahrhaft, billig und köstlich zuzubereiten.

Die Autorinnen haben für ihr Büchlein eine ausführliche und umfangreiche Warenkunde zusammengetragen – zu Geschichte und Herkunft, Behandlung und Verarbeitung, Sorten und Arten der Hülsenfrüchte, zu Nährwerten, Produzenten und Grundzubereitungen, Geschmack, und Traditionen.

Dabei werden die Texte nie trocken, sondern sind mit ebenso viel Genuß zu lesen wie die Vielzahl der zusammengetragenen Rezepte nachzukochen. Ob indische Süßspeise oder Pommersches Gänseklein, katalanische Kichererbsen mit Chorizo oder Südstaaten-Succotash, die über 80 Gerichte die das Buch vorstellt, lassen keine kulinarische Langeweile aufkommen.

Eine echte Bereicherung für das Kochbuchregal, die man immer wieder gern zur Hand nimmt.

Bewertung: ★★★★☆ 

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