Barbara Esstman – Mare’s Milk

Barbara Esstman fing nach eigenem Bekunden das Schreiben als Zeitvertreib in einer Midlife-Crisis an und meinte, es sei eine bessere Wahl als „Töpfern oder Makramee“ gewesen – zweifelsohne, denn ihr Roman Night Ride Home wurde 1999 mit Rebecca de Mornay und Keith Carradine verfilmt.

Warum auch immer der Verlag meinte, denselben Roman in Grossbritannien unter dem Titel

maresmilk

Mare’s Milk

veröffentlichen zu müssen, ist ein Rätsel das sich mir nicht erschließt.

Die Handlung spielt im Jahr 1947 in Missouri. An einem schönen Frühlingstag stirbt der 16-jährige Simon Mahler, als sein Pferd Zad, eine rassige Araberstute, über einen Felsbrocken stolpert und ihn dabei unabsichtlich abwirft, da er nur halb im Sattel gesessen und sich auf diesem herumgelümmelt hatte. Sein Vater, Neal, der die Pferdenarrheit seiner Ehefrau noch nie verstanden oder gut geheissen hat, lässt seine Frau – die vor Trauer außer sich ist – einige Zeit in eine geschlossene Anstalt einweisen, wo man ihr mit Elektroschocks und Psychopharmaka noch den letzten Funken Verstand aus dem Hirn zu treiben versucht.

Noch in derselben Nacht erschießt Neal Mahler Zad, die das Lieblingspferd seiner Frau war, und verkauft alle ihre Pferde, die Nora mit einem kleinen Erbe ihrer Großmutter finanziert hatte. Über Wochen versucht er diesen Akt der Grausamkeit vor Nora zu verbergen. Die Familie bricht schließlich auseinander, Neal zieht mit Tochter Clea in die Stadt und überlässt seine Frau, die seiner Meinung nach nur zu Verstand kommen muss, ihrem Schicksal. Sein Ziel ist es, die Farm zu verkaufen, und alsbald nimmt er einen Job in Chicago an. Doch Nora will auf ihrem Grund und Boden bleiben.

Ihr zur Seite stehen ihre Mutter, Maggie Rhymer, die nach Jahren des Globetrotterdaseins zurückkehrt, weil sie nicht mitansehen will, wie Neal die Ranch verkauft, auf der ihre Familie seit 70 Jahren lebt, und Ozzie Kliner, Jugendliebe von Nora und Pferdespezialist.

Erzählt wird das Ringen einer Frau um die 40 um ihre persönliche Freiheit und geistige Gesundheit in verschiedenen Abschnitten aus dem Blickwinkel der Haupthandlungsträger:

  • Neal Mahler – ein erfolgreicher, skrupelloser Geschäftsmann und Städter, der seine Frau noch nie verstanden hat und glaubt, wenn sie ihm nur gehorcht und mit ihm in die Stadt zieht wird alles gut
  • Clea Mahler – das jüngere Kind von Nora und Neal, zerrissen zwischen ihren Eltern, die nicht weiß, wem sie glauben soll
  • Nora Mahler – die Pferdenärrin, die sich zum Wohle ihrer Ehe in den letzten zwanzig Jahren von fast allem abgenabelt hat, das ihr etwas bedeutete, mit Ausnahme der Pferde. Nachdem Neal ihr die Pferde genommen hat, muss sie auch seelisch ganz von vorn anfangen. In der Öffentlichkeit steht sie als durchgedrehte Ehefrau und schlechte Mutter da
  • Maggie Rhymer – Noras Mutter, die als einzige Neal Mahler für das Wohl ihres Kindes und Enkelkindes die Stirn bietet
  • Ozzie Kliner – Noras Jugendliebe, der ihretwegen in den 2. Weltkrieg zog, sie auch 20 Jahre später noch liebt, und versucht Nora zu helfen, wieder sie selbst zu sein – wenn sie es will

Der Roman ist ebenso vorhersehbar wie herzerwärmend, und natürlich findet alles nach Irrungen und Wirrungen zu einem Happy-End – eine typische Frauen-Familien-Liebesgeschichte mit Pferden, die allerdings sehr gekonnt auf der emotionalen Klaviatur der Leser(innen) spielt – obwohl pferdebegeisterte Liebesromane nicht unbedingt mein Genre sind, habe ich das Buch gern und mit Vergnügen gelesen – ausgezeichnete Unterhaltung, die in die Abgründe der menschlichen Seele blickt, und sich dabei um ein wenig Südstaaten-Familiensaga windet. Durch die geistige Zerrissenheit Noras gewinnt der Roman eine Tiefe über die Klischees der Gattung hinaus, die ihn lesenswert macht.

Bewertung: ★★★½☆ 

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