Alan Weisman – Die Welt ohne uns

Was wäre eigentlich, wenn die Menschen plötzlich verschwinden würden? Erobert die Natur alles zurück, was der Mensch in Jahrtausenden geschaffen hat? Welche Spuren bleiben von uns?

Das sind die Fragen, denen sich ein amerikanischer Autor und Journalistikprofessor in
weltohneuns

Alan Weisman – Die Welt ohne uns: Reise über eine unbevölkerte Erde

stellt.

Um diese Frage erschöpfend zu beantworten, hat er sich auf eine lange Forschungsreise rund um die Welt begeben, und er nimmt seine Leser dabei mit. Von den Ursprüngen der Menschheit in der afrikanischen Savanne, über die Höhlenstädte Kappadokiens, die Unterwelt von New York City, die blutweiderichbewachsenen Ufer Alaskas, den entmilitarisierten Streifen auf Zypern oder den Panamakanal, zum “großen pazifischen Müllstrudel”, der Architektur von Istanbul und den Ölfeldern von Texas, bis hin zur Voyager-Sonde reicht das Spektrum der Ziele, an denen er nach Erkenntnissen über den Menschen und seine Spuren auf diesem Planeten und im All sucht – was bleibt?

Ich war mit großem Interesse an dieses Buch gegangen, nachdem ich die zahlreichen guten Kritiken und kurze Textauszüge gelesen hatte, auch die (ernüchternde) Lektüre des Beispielskapitels auf der Homepage zum Buch machte mich sehr neugierig. Weisman macht sich die Mühe, Erkenntnisse aus so unterschiedlichen Disziplinen wie Anthropologie, Archäologie, Klimakunde, Physik, Biologie und Architektur zu einem Gesamtgebilde zu verknüpfen, das man als die Essenz des menschlichen Daseins bezeichnen könnte – von dort extrapoliert er, erneut gestützt auf Fakten und Fachkenntnisse, was das alles für die Zukunft dieses Planeten bedeuten würde, verschwände homo sapiens ganz plötzlich.

Das Bild, das dabei entsteht, ist ebenso vielfältig wie die Gesichtspunkte, unter denen er das Thema angeht. An manchen Stellen möchte man beim Lesen erleichtert aufatmen, wenn man begreift, dass das Leben doch irgendwie weitergehen könnte und vielleicht auch wird, wenn der Mensch verschwindet – dass sich Ozeane und Wälder sehr schnell von den Belastungen unseres Missbrauchs erholen würden. An anderer Stelle wird klar, dass das nur Wunschdenken bleiben kann, etwa wenn man sich die geradezu apokalyptischen Folgen vor Augen ruft, die ein Zusammenbruch der großen hochkomplexen Ölraffinerieanlagen in Texas, oder das Ausfallen der Kühlaggregate von weltweit 441 Atomkraftwerken bedeuten wird. Richtig schlecht geworden ist mir aber bei den viel unmittelbareren Auswirkungen auf die Umwelt – während es zur Zeit des zweiten Weltkrieges so gut wie keinen Kunststoff gab, hat die Menschheit bis heute ungefähr 1 Milliarde Tonnen Plastik produziert, das zu Millionen Tonnen in den Ozeanen als Müll treibt, und das durch physische Zerkleinerung bis auf Mikronebene mittlerweile selbst beim Plankton in der Nahrungskette angekommen ist – alles frisst, alles wird zu Plastik.

Die Welt ohne uns ist ein spannendes und hochinteressantes Buch, leidet aber für meine Begriffe unter zwei Dingen:

Zum einen fehlt dem Buch die innere Struktur – die Anordnung der Kapitel scheint beliebig, Weisman springt von Kontinent zu Kontinent, von Thema zu Thema und von Disziplin zu Disziplin. In der englischen Gliederung macht das noch ansatzweise Sinn, der durch die fehlende Untergliederung in der (sehr guten) Übersetzung von Hainer Kober jedoch etwas verloren geht. Durch die Vereinzelung der Themen führt Weisman seine fiktionalen Entwicklungen auch nicht konsistent zu einem Gesamtbild zusammen.

Zum anderen hat für mich das Buch etwas anderes versprochen als es am Ende liefert. Weisman taucht tief in Ökologie, Anthropologie, Probleme des heutigen Daseins ein, etwa die Stadtentwicklung von Istanbul oder das Leben der Zápara-indianer Ecuadors, deren erschreckende Geschichte unbedingt lesenswert ist. Er tut all dies, um ausgehend von der Vergangenheit auf die Zukunft zu deuten. Die Erläuterungen zu Vergangenheit und Gegenwart nehmen jedoch den sehr viel größeren Teil des Buches ein als die Zukunftsvisionen, um die es mir bei diesem Buch in erster Linie ging. Vielleicht bin ich auch etwas vorbelastet – über den Untergang der Maya und anderer antiker Kulturen oder den Menschen als Ausrotter vieler Tierarten zum Beispiel hat Jared Diamond sehr viel erhellender und analytischer geschrieben, über Clovis-Kultur und die Mammutjäger kann man bei Peter D. Ward präziser und besser verständlich nachlesen, das Klimathema haben Leute wie Al Gore oder Tim Flannery längst anschaulicher erläutert. All diese Punkte sind für an dem Thema Interessierte relativ alte Kamellen, die Weisman dem breiten Publikum noch einmal auftischt, und durch die wirre Struktur des Buches verliert man schnell den Durchblick, auf was der Autor mit den vielen Einzelschicksalen, die er anbringt, eigentlich hinaus will.

Nur an ganz wenigen Stellen, etwa wenn er von der Ölindustrie in Texas, oder dem New Yorker U-Bahn- und Wasserpumpensystem erzählt, ist Weismans Vision wirklich das, was ich mir von dem Buch erhofft hatte – ein Augenöffner darüber, wie stark wir von bestimmten Technologien und diese wiederum von uns abhängig sind, wie schnell das Ende so mancher für uns fast unzerstörbar erscheinenden Struktur kommen könnte. Im großen und ganzen aber handelt es sich mehr um eine bildhafte Zusammenstellung all der Schäden, die der Mensch dem Planeten, den er Heimat nennt ,zugefügt hat, von den heilbaren bis zu denen mit mehreren Millionen Jahren Halbwertzeit.

Die Welt ohne uns ist nicht das, was ich erwartet habe, und durch die starke, teilweise kaum unterscheidbare Vermischung von Fakten und Fiktion streckenweise ebenso anstrengend zu lesen wie diskutabel. Vieles, das Weisman anführt, hat man andernorts schon gelesen, vieles ist alles andere als überraschend. Als Gesamtwerk ist es aber dennoch hoch lesenswert und augenöffnend.

  • Offizielle Website zum Buch: www.worldwithoutus.com – dort kann man auch das Kapitel über die Problematik des Plastikmülls, Polymers Are Forever, in Englisch online lesen.

Bewertung: ★★★½☆ 

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